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| Die kleinen Fehler sind die besten! |
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Interview: Christine Haiden - Welt der Frau Die kleinen Fehler sind die besten! Der deutsche Bildungsjournalist Reinhard Kahl wird nicht müde, das Hohelied des Fehlers zu singen. Er setzt sich für eine neue Schule ein, die die Unverwechselbarkeit der Menschen ernst nimmt. Und für Lehrkräfte, die ihre Chancen wahrnehmen, statt über bestehende Begrenzungen zu jammern.
Wir haben in Österreich eine ziemlich heftige Schuldebatte hinter uns …
… das haben die teutonischen Völker so an sich, die führen gerne
Bildungskrieg. Das ist der letzte Religionskrieg, der noch geblieben
ist, und Religionskriege lieben sie seit ein paar Hundert Jahren.
Aus
der Perspektive von Fehlern – werden in einem solchen Konflikt Fehler
gemacht?
Da gibt es zwei Antworten. Man könnte sagen, man macht zu viele große
Fehler und vermeidet die interessanten Fehler. Die kleinen Fehler sind
die, aus denen man lernt. Weil man im Schulbereich eine große Angst
hat, Fehler zu machen, etwas auszuprobieren, sich selbst
auszuprobieren, führt man lieber Krieg. Was ein bisschen komisch ist.
Der Krieg ist die höchste Eskalationsstufe.
Der Krieg ist die Form, in der man den anderen abspricht, dass sie
überhaupt interessant sein können, dass aus ihnen etwas hervorgehen
kann. Diese Atmosphäre von Verdächtigung ist gerade im Bildungskrieg so
stark. Oft weiß man gar nicht, worum es geht.
Ist das ein systemisches Problem, dass Schule solche Verhaltensweisen
hervorruft?
So wie die meisten Schulen noch sind, haben sie eine heimliche
Religion. Die ist die der richtigen Lösung. Die Rückseite der richtigen
Lösung sind die Fehler, die man nicht machen darf. Die Mentalität der
Schule ist nicht, dass es viele Möglichkeiten gibt, sondern viele
Unmöglichkeiten. Natürlich ist nicht alles möglich und beliebig. Es
gibt aber so viele Möglichkeiten, Mensch zu sein. Sehen wir das als
einen Vorteil? Oder messen wir ihn oder sie an einem Ideal, dem keiner
standhält? Das ist die Erbsünde der Schule. Dass ein Perfektionsideal
herrscht, dem keiner richtig standhält. Am Ende gehen die meisten eher
geschwächt als gestärkt heraus. Das ist doch verrückt.
Bildung soll
Menschen zu Kreativität führen, das wird auch keine Lehrerin, kein
Lehrer abstreiten.
Wir kommen als Individuum auf die Welt. Dann gibt es Versuche, die
Ecken und Kanten abzuschleifen. Das ist ein solcher Irrsinn. Menschen,
denen man den Eigensinn ausgetrieben hat, sollte man dann wieder
motivieren? Das klappt nicht. Wenn man Kinder beobachtet, wie sie
lernen, sieht man, welchen unglaublichen Antrieb sie haben. Ein Kind
lernt pro Tag drei, vier Wörter. Sie lernen den aufrechten Gang, alles
ohne Lehrer. Stellen Sie sich einmal vor, man würde das Gehen in der
Schule im Sitzen lernen!
Aber wir haben auch ständig die Diskussionen
um Leistungsnormierungen und um Standardisierung des Wissens.
Wenn man dafür ist, dass Verschiedenheit gut ist, dann braucht man so
etwas wie Standards, an denen man das misst. Wenn man aber die
Standardisierung zum Hauptthema macht, ist das, als ob man Häuser nur
mit Statikern, aber ohne Architekten baut. Dann kommen hässliche Häuser
raus. Diese Standarddiskussion ist unglaublich angstgetrieben und hat
vielleicht auch damit zu tun, dass wir ein schwach ausgebildetes
Urteilsvermögen haben. Ein Beispiel: Der Lernforscher Manfred Spitzer
macht bei seinen Vorträgen mit Lehrern gerne ein Spiel mit dem
Publikum. Er unterbricht, gibt jedem ein DIN-A4-Blatt und sagt, jeder
solle nur die wichtigsten Formeln der Mathematik aus der Oberstufe
aufschreiben. Das sagt er so, dass keiner lacht. Dann beginnt er zu
lachen, weil jeder weiß, dass dafür eine Streichholzschachtel reichen
würde. Am nächsten Tag machen die Lehrer trotzdem wieder Unterricht,
als würde man all dieses Zeug behalten, als würden noch immer beim
Lernen Fässer gefüllt und nicht Elemente verflochten. So entsteht
bestenfalls ein Bluffsystem, in dem man für die Prüfung lernt und
anschließend nie wieder etwas damit zu tun haben will.
Was heißt das
für Standardisierungen?
Das Überprüfen von Standards ist dann gut, wenn man es in großem, auch
zeitlichem Abstand zur Schule
macht. Das war auch der Sinn von PISA, zu fragen, welche Kompetenzen
sie haben, und nicht, welches Wissen. Es geht darum, wie Menschen
Handelnde werden und weiterlernen können.
Heftige Debatten gibt es zur
Ganztagesschule. Wie können Kinder umfassend lernen, wenn man sie den
ganzen Tag in der Schule belässt und nur künstliche Lernumgebungen
schafft?
Das funktioniert nicht. Ich denke an eine Schule in Potsdam bei Berlin.
Die haben ein völlig verwahrlostes Grundstück der früheren Stasi
übernommen und gehen mit den Schülern der 9. und 10. Klasse da
wochenlang raus, um zu bauen, daraus einen Bauernhof zu machen. Die
Schüler, auch die schulmüden, kommen voller Begeisterung hin. Sie haben
unglaubliche Lust, Werkzeuge zu benutzen, wirksam zu sein. Eine gute
Schule findet nicht nur im Schulraum statt. Wenn eine Ganztagesschule
nur zu einer beschäftigungstherapeutischen Anstalt wird, ist das
furchtbar.
Viele Lehrer klagen, dass sie unter massivem Druck stehen,
dass sie sozusagen in ihrer Arbeitssituation nicht verstanden werden.
Lehrer klagen gerne.
Stimmt das, werden sie nicht verstanden?
Ja, aber das sind so Zirkel. Leute, die sich selbst immer als Erstes
als Opfer verstehen, sind solche, die selbst kein Opfer bringen wollen.
Warum ändern sie denn nichts? Beispiele von guten Schulen sind solche,
wo die Lehrer auch eine Schule machen, die sie selbst gut finden, wo
sie sich wohlfühlen. Wer entscheidet, ich will mich da eigentlich gar
nicht wohlfühlen, aber ich will um ein Uhr raus sein, bei dem stimmt
doch etwas nicht. In einer kantonalen Schule in Bürglen in der Schweiz
haben Lehrer aus drei Räumen die Wände rausgenommen. Sie haben nun eine
Klasse von 60 Schülern und haben drei bis fünf Lehrer drinnen, die
arbeiten zusammen. Der Klassenraum wird zu einer Art Lernbüro. Das
Erste in der 7. Klasse ist – in der Schweiz gibt es eine sechsklassige
Primarschule –, dass die Kinder nach der Sommerpause ihre Arbeitsplätze
bauen. Die Lehrer haben auch ihre Arbeitsplätze mit einer kleinen
Ampel, mit Grün, Gelb und Rot. Wenn sie ungestört arbeiten wollen,
stellen sie die auf Rot, wenn sie bereit sind, etwas zu klären, machen
sie Grün und wenn sie gelb ist, muss sich ein Schüler überlegen, ob es
wichtig ist. Da kommt etwas von einem Zusammenleben mit Respekt auf,
von Interesse. Da gibt es fast keine Disziplinprobleme, die diese
Schule vorher hatte.
Was halten Sie von der Idee, Lehrer und
Lehrerinnen sollten nicht nur eine Schulkarriere haben, sondern einmal
irgendwo in einem nicht schulischen Bereich tätig sein und andere
Erfahrungen sammeln?
Das finde ich auch. Aber man sollte die Schule auch öffnen für Lehrer,
die vielleicht auf einem zweiten Bildungsweg hinkommen. Man sollte aber
vor allem versuchen, dass man eine neue Gruppe von Lehrern kreiert,
sogenannte Dritte. Handwerker, Künstler, Wissenschaftler, die da
bleiben und einen Tag oder eine gewisse Zeit in die Schule gehen. Das
hätte den Vorteil, dass Lehrer, wenn sie solche Dritte wie
Menschensammler suchen, selbst aufgewertet werden. Dann haben sie nicht
nur immer mit Kindern zu tun, sondern auch mit Erwachsenen. Dann werden
sie mehr zu Managern dieser Lerninszenierung. Ich glaube, das wäre
wichtiger, als dass jemand vor seinem Studium ein Praktikum gemacht
hat. Entscheidend ist, dass Kinder in der Schule andere Erwachsene als
nur Lehrer kennenlernen. Damit ist nichts gegen Lehrer gesagt, sondern
dagegen, dass man nicht alles sein kann. Die meisten Schüler sind gar
nicht richtig geistesanwesend in der Schule.
Es wird immer geredet über Klassengröße und Unterrichtsausfall oder
diese etwas absurde Diskussion über die schulautonomen Tage. Aber es
reden nur wenige darüber, dass 70, 80 Prozent der Zeit nur der Körper
rumsitzt und die Fantasie spazieren geht. Wenn man das schafft, dass
die Leute, wenn sie da sind, auch da sind, hat man viel erreicht.
Ein
interessantes Phänomen ist, dass viele sich vor allem an interessante
Lehrer erinnern, die ein Fach mit Leidenschaft, wenn auch mit
pädagogischen Fehlern unterrichtet haben.
Menschen mit Eigensinn, die etwas aus ihren Fehlern gemacht haben. Nimmt man zu wenig ernst, dass Lehrer auch Typen sein sollen? Sollen sie doch auch nicht sein. Sie sollen doch irgendwie Lehrplanfunktionäre sein. Das andere ist doch gefährlich oder wird auch nicht geliebt. Man müsste es erst mal mögen, dass Menschen unterschiedlich sind. Wir haben so viele Verdächtigungs- und Verachtungsdiskussionen.
Lehrer sagen, ihnen würde kein Fehler
gestattet, Fehler würden immer härter geahndet.
Das stimmt doch gar nicht.
So wird das empfunden.
Ja, aber das ist diese Jammergeschichte. Da muss man nach den
österreichischen Lehrern fragen, die deswegen vorbestraft sind oder im
Gefängnis sitzen.
Kann man das System wirklich aus der Verantwortung
entlassen?
Wer ist das System?
Das System, das sich aus Normen und Verwaltungen
zusammensetzt, aus stark hierarchisierten Verläufen von Anweisungen und
Rückmeldungen.
Und wer verlangt, dass man dieses Spiel mitmacht?
Die Lehrer in dem
System meinen, das System sei stärker als sie und sie hätten zu wenige
Handlungsmöglichkeiten.
Ich glaube, das stimmt einfach nicht. Das System ist doch das Spiel,
auf das wir uns geeinigt haben und das wir mitspielen. Natürlich, ein
möglicher Beobachterblick ist es, auf das System zu gucken, aber ein
anderer Blick ist es, darauf als Akteur zu blicken.
Diese Vorliebe für den Blick, der die Welt rezensiert als ein
Theaterstück, in dem man nicht mitspielt, ist etwas schwach.
Lieber
kritisieren als handeln?
Ja. Man ist froh über alle Anzeichen, die man in diesen
Verhinderungsdiskursen kapitalisieren kann. Wenn die Ministerin
irgendeinen Käse baut, kann man sagen: Seht ihr, das geht nicht! Das
sind alles so Zaungastperspektiven. Warum einigen sich viele Pädagogen
darüber, lieber ein Zaungast zu sein als ein Zaunkönig? Warum haben sie
häufig so wenig Lust am Leben?
Haben Sie eine Vermutung, woran das
liegt?
Ich würde dazu neigen, dass es diesen Trägheitssog und Schweresog für
Menschen gibt und dass die Frage ist, wie man die Gegenkräfte, die nach
oben ziehen, an sich selbst und für andere ausbildet. Die Schule ist
eine, in der diese Schwere gegenüber den hochziehenden Kräften
dominiert.
In das Schulsystem gehen eher Menschen, die das anzieht?
Ja, aber es gehen auch Menschen hinein, die noch anderes wollen. Wenn
ich an diejenigen denke, die die Lernaufwiegler sind, die etwas
Interessantes gemacht haben, dann haben die das nicht so sehr aus
irgendeiner Grundsatzüberlegung gemacht, sondern die haben gesagt: So
will ich nicht leben. Ich will nicht in diesen muffigen Räumen sein,
das Papier, das rumliegt, stört mich, deswegen hebe ich es auf und
nicht, weil ich ein Vorbild sein will.
Die also in der Lage sind, »ich« und »wir« zu sagen, und nicht immer
»man« und »das System« sagen. Die sich fragen: Will ich das so? Und:
Was habe ich zu verlieren, wenn ich dieses Spiel nicht weiter mitmache?
Haben Sie aus Ihrer Erfahrung – Sie haben sehr viele Schulen besucht –
eine Empfehlung zur Maximalgröße einer Schulklasse?
Die Erfahrung zeigt, man kann auch mit einer großen Schule so umgehen,
dass man sie in viele kleine Schulen aufspaltet.
Eine der interessantesten Schulen in Deutschland, eine Grundschule in
Münster, ist gar nicht groß, 250 oder 300 Schüler. Die ist aufgeteilt
in kleinste, altersgemischte Lernhäuser, Dörfer. Das Maß, mit wie
vielen man verkehren kann, ist das Maß der Gruppen. Ein solches
Lernhaus ist etwas anderes als ein Klassenraum, der altershomogen ist.
Das ist eine Organisation von im Gleichschritt laufenden Lernrekruten.
Eine Untersuchung in Deutschland hat gezeigt, dass die Klassengröße an
sich, auch wenn sie bei 25 Schülern ist, nichts ändert, wenn die
Pädagogik sich nicht ändert.
Das ist einleuchtend. Wenn vor allem der Lehrer spricht, ist es egal,
ob da 17 oder 700 sitzen. Diese Klassengröße ist eine
Ausredendiskussion.
Was ist für Sie die interessanteste Schule, die Sie
derzeit kennen?
Ach, das ist wie die Frage nach dem interessantesten Menschen.
Eine
Schule, wo sich eine Weiterentwicklung zeigt.
Interessant finde ich diese Potsdamer Montessorischule, dieses
Rausgehen mit den Kindern
in der Pubertät. Wo die Schüler das planen, wo sie das Grundstück
vermessen, zuerst mit Schritten, dann mit ihrem Band, und dann merken,
wie nah sie schon mit den Schritten dran waren, wo auch eine andere
Körperlichkeit hineinkommt. In den Schulräumen stört der Körper und
deswegen ist der dann auch gestört. Vom Leib gar nicht zu reden. Das
ist doch Fernunterricht mit Anwesenheitszwang. Was würden Sie als Erstes tun, wenn Sie Bildungsminister würden? Zurücktreten. (Er lacht.) Ich glaube, die Musik spielt an anderen Stellen. Ein Schulleiter, eine Schulleiterin, ein Lehrer, eine Lehrerin, die gut sind, können mehr Einfluss haben als ein Minister. Ein Bildungsminister könnte sich zum Beispiel selbst auferlegen, dass er die Hälfte seiner Zeit an Schulen verbringt, mit den Leuten spricht, sich das ansieht und in die Gesellschaft zurückträgt. Ein Bildungsminister sollte die Illusion aufgeben, er würde an einem besonders langen Hebel sitzen. Wenn er etwas verändern will, soll er das Ministerium ändern. Wenn ein Ministerium aufhört, eine Superbürokratie zu sein, und eine lernende Organisation würde, wäre es fast nicht zu vermeiden, dass sich das positiv auf die Schulen auswirkt. |
