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| Die Leichtigkeit der Leselust |
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von Mechthild Küpper Viele Eltern lesen ihren Kindern nichts mehr vor. In Berlin und anderswo schaffen Schulen deshalb Ersatz: mit Hilfe von "Lesepaten", die nicht nur vorlesen, sondern auch spielen, betreuen und vor allem ausdauernd zuhören. Aus der Aktion "Leselust" ist in wenigen Jahren eine ehrenamtliche Bewegung entstanden, die große Erfolge aufzuweisen hat. Vieles müssen die Strehlows neu lernen, und das sorgt dann für typische Situationskomik zwischen Lehrern und Schülern. Heutzutage, erzählen Ursula und Peter Strehlow, werden unbestimmte oder bestimmte Artikel "Begleiter" genannt, weshalb das kleine Mädchen aus Vietnam, nach dem "Begleiter" der Katze gefragt, prompt sagte: "Kater". Wer als Erwachsener solche Geschichten begeistert erzählen kann, ist für den Umgang mit Kindern unzweifelhaft geeignet. Seit fünf Jahren fahren die Strehlows - sie pensionierte Sekretärin, er pensionierter Maschinenbauingenieur - einmal in der Woche quer durch Berlin, um sich in der Vineta-Grundschule in Wedding als "Lesepaten" nützlich zu machen. An diesem Dienstag arbeiten die Strehlows in einem kleinen Raum hinter dem Lehrerzimmer mit Oday und Hala. Das Laub der Kastanie schenkt der Runde eine schöne Aussicht. Oday und Hala sind Geschwister, die Familie stammt aus dem Libanon. Er ist neun und geht in die dritte Klasse, sie ist dreizehn und geht in die vierte Klasse. In den zwei Schulstunden mit den Strehlows lesen, schreiben und rechnen sie, sie spielen (pädagogisch wertvolle) Kartenspiele und erledigen Hausaufgaben. An der einen Bank sitzt Frau Strehlow mit Hala, gegenüber Oday mit Herrn Strehlow. Die Kinder hätten, als die Arbeit im vergangenen August anfing, nicht gesprochen, berichten die Strehlows. Heute redet Hala bereitwillig - auch für ihren kleinen Bruder -, und dieser kommuniziert jedenfalls sehr effektvoll, wenn auch nicht eloquent. Das Wichtigste ist ihm ein äußerst vertracktes Puzzle. Mit der geduldigen Hilfe von Peter Strehlow klebt er die Teile aufs Papier. Die Vineta-Grundschule mit ihren 438 Schülern hat inzwischen 15 Lesepaten, darunter ist eine ehemalige Musiklehrerin der Schule und eine über 80 Jahre alte Rundfunksprecherin. Die sechzehnte Patin, eine Freundin einer Lehrerin, hat sich gerade gemeldet. In der großen Pause brauchen andere Kinder den Raum; sie müssen ihre Englischaufgaben nachholen. An Räumen mangelt es in Berliner Grundschulen, was daran liegt, dass sie seit einiger Zeit die Horte unterbringen und dass viele zurzeit auf Ganztagsbetrieb umstellen. Die Strehlows vereinbaren mit der Lehrerin, dass sie rasch auf die Aufgaben schauen, bevor die Kinder auf den Hof flitzen können. Denn wörtlich ist es mit dem Lesen nicht zu nehmen: Die Paten tun mit den Kindern, was zu tun ist. Was das jeweils ist, entscheiden die Klassenlehrer. Roland Barth, der Leiter der Vineta-Schule, sagt, die Lehrer seien stark an Lesepaten interessiert. "Nach ganz kurzer Zeit sind sie wichtige Bezugspersonen für die Kinder." Nicht nur sozial seien sie eine Bereicherung des Schullebens, sie sorgten auch für messbare Fortschritte der Schülerleistungen. Das Lesepatensystem ist einfach, billig und erfolgreich. Dennoch drängt sich Brechts Satz vom "Einfachen, das schwer zu machen ist", auf. Denn es erfordert umsichtige Planung, viel Geduld und natürlich Leute, die sich vom Erfolg anstecken lassen: Schulleiter, Klassenlehrer, Paten. Wenn es erst einmal läuft, funktioniert es wie am Schnürchen: Erwachsene kommen in die Schule und machen etwas mit Kindern, die es im Leben schwerer haben als andere. Vor allem aber lesen sie - mit ihnen, für sie. Und sie hören ihnen zu. Sie sind verlässlich, verlangen nichts und geben keine Noten. Sie streben nicht an, "Überlehrer" zu sein. Einige Male im Jahr treffen sich die Paten einer Schule und tauschen Erfahrungen aus; es ist diese soziale Kontrolle, mit der ungeeignete Paten einigermaßen zuverlässig entfernt werden. Lesepaten seien "immens effektiv", sagt Christa Fahlbusch. Sie koordiniert die Arbeit der Lesepaten in der Wedding-Grundschule. Rasch bessere sich das Leseverständnis der Kinder, sie bekämen einen Bezug zu Büchern, lernten zu erzählen, begännen eigenständig zu lesen. Die Wedding-Grundschule mit 522 Schülern ist in einem imposanten Gebäude in einer Nebenstraße des belebten Leopoldplatzes untergebracht. Seit vielen Jahren bietet sie zweisprachigen Unterricht: türkisch-deutsch. Sie wird gerade zur Ganztagsschule. Renate Schmidt, die zweimal in der Woche in die Wedding-Grundschule kommt, ist seit Anfang 2005 dabei, als sie mit sechzig Jahren Rentnerin und die Wedding-Grundschule Pilotschule für die Lesepaten wurde. Aus acht sind seither 28 Paten geworden. "Frau Schmidt! Frau Schmidt!" wird von den Zweitklässlern laut begrüßt. In der Schule hat eine Bücherei aufgemacht, die Kinder brennen darauf, ihre neuen Ausweise endlich zu benutzen. An diesem Donnerstag liest Frau Schmidt mit jeweils zwei Schülern. Sie sitzt, rechts und links ein Kind, damit alle zusammen lesen können. Mal liest jeder nur einen Satz, dann wieder liest sich Dijan im Laufe einer halben Stunde richtig warm und mag nicht mehr aufhören, mal hat Alexandra eigentlich "überhaupt keine Lust" und liest erst, nachdem Frau Schmidt und Dilek vorgelesen und die schwierigen Wörter besprochen haben. Mit kleinen Kindern ist Lesen und alles, was damit zu tun hat, verblüffend unkompliziert. Kleine Räume für die kleinen Lesezirkel sind begehrt: Merve, Dijan und Frau Schmidt werden für einen Mathe-Test vertrieben, und auch den nächsten Raum beansprucht rasch jemand anders. Man staunt, wie mobil Grundschüler sein müssen. In ihrer zweiten Klasse seien drei deutsche Kinder, berichtet Christa Fahlbusch. Dennoch ist Deutsch die Umgangssprache, weil es die gemeinsame Sprache aller Kinder ist. Nur in den zweisprachigen Klassen redeten sie untereinander türkisch. Überhaupt sei es das Schriftliche, das ihnen schwerfalle, keineswegs das Reden, fügt die Erzieherin hinzu. Die Vineta-Grundschule liegt wie die Wedding-Grundschule in einem schwierigen Stadtquartier, so wie alle Schulen, die Lesepaten haben. In Wedding sind nicht nur die Türken und Araber, Bosnier und Portugiesen, sondern auch die Deutschen überdurchschnittlich oft und lange arbeitslos. Das "Brunnenviertel" lag bis 1989 direkt auf der westlichen Seite der Mauer, und dort fand in den achtziger Jahren der letzte Versuch einer Flächensanierung mit massivem Altbauabriss statt. Nun führen die Menschen dort eine harte Existenz in Neubauten. Die ehrwürdige AEG-Fabrik von Peter Behrens wird längst nicht mehr für die Produktion von Elektrogeräten genutzt; es scheint lange her, dass Berlin eine Industriestadt war und dass ein Mann durch Fabrikarbeit eine Familie ernähren konnte. Im Brunnenviertel unterhält die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo ein "Quartiersmanagement"; auch die Wedding-Grundschule am Leopoldplatz liegt im Einzugsbereich des Quartiersmanagements Pankstraße. Die Mitarbeiter des Polizeiabschnitts 36 haben mit der Vineta-Schule in aller Form eine "Allianz" zur Gewaltprävention abgeschlossen. Schon zum zweiten Mal hat die Vineta-Grundschule den Preis der Berliner Landeskommission gegen Gewalt für besonders gute Zusammenarbeit mit den Eltern ihrer 438 Schüler erhalten. Einmal im Monat lädt die Schule zum "Elterncafé" ein. In beiden Weddinger Grundschulen bietet die Volkshochschule die sehr begehrten Deutschkurse für Mütter an - über achtzig Prozent der Schüler fallen unter die Rubrik "nichtdeutsche Herkunftssprache". Auch in der Rixdorfer Grundschule in Neukölln - gleich um die Ecke liegt die bekannte Rütli-Hauptschule - gibt es Deutschkurse für Mütter, wie überhaupt die Lesepaten in der Regel auf Schulen treffen, die engagiert sind, ihren Kindern vieles bieten und so dicht wie möglich in Nachbarschaftsstrukturen eingebunden sind, die einige der Nachteile der materiellen und sozialen Situation der Bewohner ausgleichen sollen. Das ist auch nötig. Denn selbstverständlich, das lernen die Lesepaten rasch, ist es nicht, dass Schulkinder zu Hause ein Zimmer zum Lernen und Bücher zum Lesen haben und dass sie nach einem Frühstück in die Schule kommen. Neben der Vineta-Schule, im Jugendfreizeitheim Olof Palme, wird einmal in der Woche ein kostenloses Essen ausgegeben - was sehr gefragt ist, wie Schulleiter Roland Barth sagt. In der Vineta-Schule wird zwischen der ersten und der zweiten Stunde in einer etwas längeren Pause gemeinsam gefrühstückt. Sybille Volkholz, die ehemalige Berliner Schulsenatorin, koordiniert das Lesepaten-Projekt des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Sie rechnet damit, dass insgesamt 160 Schulen Paten gebrauchen können. Allmählich sollen sie auch in Kindergärten und in Hauptschulen eingesetzt werden. Denn dass Lesen der Schlüssel für das meiste ist, was die Schule bietet, ist seit "Pisa" messbar geworden. Berliner Kinder aber, das ergab der Sprachstandstest "Deutsch Plus" 2006 abermals, brauchen beim Lesen Hilfe: Fast ein Viertel der getesteten Kinder können unmittelbar vor ihrem Eintritt in die Schule Deutsch nicht altersgemäß sprechen und verstehen. Frau Volkholz kennt die tatsächlichen Kosten des billigen und einfachen Lesepaten-Systems. Sie sind, gemessen an der frappanten Wirkung, überaus bescheiden. Über einen Mangel an Freunden und Förderern kann sich das "Bürgernetzwerk Bildung" nicht beklagen. Da ist zunächst der traditionsreiche Kaufmannsverein VBKI, der sich das Programm zu eigen gemacht hat und in dessen Räumen Frau Volkholz und eine Mitarbeiterin arbeiten. Die Liste der Sponsoren auf der Homepage des Bürgernetzwerks ist eindrucksvoll. Für dieses Jahr sind schon 117 000 Euro - statt der veranschlagten 100 000 - eingeworben worden. Die Freie Universität bietet Fortbildungskurse für Lesepaten; Sportvereine, Theater, Opernhäuser und Museen bieten den ehrenamtlichen Lesepaten "Bonbons" in Form von Karten für Generalproben und Spiele, Führungen und Ähnliches. Die Lesepaten-Kandidaten seien so offenkundig qualifiziert gewesen, dass sich ein Eignungstest im engeren Sinn erübrigt habe, sagte Frau Volkholz zu Beginn des Projekts. Es sind ja vor allem die überdurchschnittlich Gebildeten mit gesichertem Einkommen, die sich ehrenamtlich engagieren. Über 23 Millionen Menschen in Deutschland tun es augenblicklich, die Tendenz ist steigend: Je mehr Menschen pensioniert werden, solange sie gesund und leistungsfähig sind, desto reicher ist das Feld, das sie ehrenamtlich bestellen können. Jetzt, wo auch Hauptschulen Lesepaten bekommen sollen, wird die Arbeit nicht mehr voraussetzungslos sein. Die Lesepaten in fünf Pilotschulen werden daher ein besonderes Qualifizierungsangebot erhalten. Für das Hauptschulprojekt will sich Stefan Schlede, der lange Rektor einer Schule in Neukölln und schulpolitischer Sprecher der Berliner CDU war, noch einmal richtig ins Zeug legen. Denn in der Hauptschule wird das Leseprojekt viel stärkere Reparaturfunktionen übernehmen müssen als bei den Kleinen. Bisher ist er der Koordinator der heute 22 Lesepaten - sieben davon Männer - an der Rixdorfer Grundschule. Die "Rixdorfer" ist eine große Schule, sie hat 597 Schüler, deren Eltern von überall her kommen. Die vier Kinder aus einer fünften Klasse, mit denen Schlede an diesem Freitag liest, sind alle in Berlin geboren, ihre Eltern aber sind Palästinenser, Libanesen, Mazedonier. Sie gehen in dieselbe Klasse, aber sehen aus, als lägen Jahre zwischen ihnen. Hassan liest gut, sein Wortschatz ist reich, er meldet sich oft. Der viel kleinere Bilal braucht Zeit, er stockt beim Lesen, kennt viele Wörter nicht, aber er gewinnt sichtlich Spaß an der Sache und traut sich mehr zu. Seine Zusammenfassung der Erzählung ist poetisch und präzise. Viele Eltern klagen, dass ihre Söhne kein Verhältnis zum Lesen gewinnen. Doch wer mit Lesepaten unterwegs ist, gewinnt nicht den Eindruck, dass Jungen es als Strafe wahrnehmen, im Gegenteil. Disziplinprobleme, berichtet Marion Berning, die Schulleiterin der Rixdorfer Grundschule, existierten nicht: Wer sich nicht benehmen wolle, werde einfach in den regulären Unterricht geschickt. Frau Schmidt geht für alle Fälle mit einer gelben und einer roten Karte ausgestattet in die Klassen der Wedding-Grundschule. Meistens reicht es, wenn sie auf dem Tisch liegen. Lesen mit den Paten ist begehrt, auch bei Jungen. Inzwischen stehen nach Frau Bernings Eindruck die Vorteile der Lesepatenarbeit jedem Lehrer plastisch vor Augen. Auch sie lobt die Effekte des Lesens: Aufsätze würden mit mehr Phantasie geschrieben, freier im Denken und im Stil. Schlede, der in der fünften Klasse schwierige Texte wie Astrid Lindgrens "Ronja" liest, hat beobachtet, dass Mädchen in der Regel besser vorlesen, aber beim Nacherzählen oft schwächer sind, während Jungen oft erstaunlich gut die Geschichte wiedergeben können, die laut zu lesen ihnen schwerfiel. Neue Lesepaten sollten bitte männlich sein, gern auch jung und bevorzugt selbst einen "Migrantenhintergrund" besitzen. Das wünschen sich Lehrer und Lesepaten-Organisatoren gleichermaßen inbrünstig. Türkische und arabische Schüler, sagt Helena Stadler von der Bürgerstiftung, brauchten Erfolg beim Lesen dringend als "positives Signal", und "männliche Identifikationsfiguren" könnten sie gut gebrauchen, um nicht als "Bildungsverlierer abzudriften". Links
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