Deutscher Schulpreis 2012 Drucken
von Reinhard Kahl

Die choreografische Schulreform

schulpreis_2012_0Seit sechs Jahren erweist sich der Deutsche Schulpreis als Hefe im deutschen Bildungsteig. Am 12. Juni 2012 erhielt ein ungewöhnliches Gymnasium aus Brandenburg den Hauptpreis. Auch die anderen fünf ausgezeichneten Schulen bestechen durch Eigensinn und Leistung

Erstmals erhält ein Gymnasium den mit 100 000 Euro dotierten Hauptpreis. Aber was für eines! Eines, das auf Umwegen zur Gemeinschaftsschule unterwegs ist. Bisher hatte die Jury des Deutschen Schulpreises vergeblich nach einem Gymnasium für Platz eins gesucht. Überzeugender waren fünf Jahre lang Grundschulen, Gesamtschulen oder auch schon mal eine Klinikschule. Sie zeigten, dass auch hierzulande die Individualisierung des Lernens und eine Gemeinschaft, die den unterschiedlichen Kindern Zugehörigkeit verspricht, keine Gegensätze sind.

Genau das versucht die Evangelische Schule Neuruppin, die dafür in diesem Jahr auf Platz eins kam. Sie wurde 1993 von Eltern als Gymnasium gegründet. Träger ist die evangelische Schulstiftung. Man nennt die Schule einfach Evi. Gymnasium wollte sie nie heißen.

Schulpreis 2012Man kommt in das Gebäude, das vor 23 Jahren noch eine Kaserne der Roten Armee war, und liest neben Tierbildern solche Wandzeitungen von Schülern: „Ich bin keine dumme Gans.“ Oder: „Bei uns gibt es keine alte Sau.“ Einer der schönsten Räume ist das von Schülern betriebene Café „Tasca“. Ein paar Schritte weiter das „Naturwissenschaftliche Kolloquium“, in dem ein Schüler gerade einen hinreißenden Vortrag über Entropie hält. Physikalisch und philosophisch exzellent. Am Beispiel eines Kartenspiels rechnet er die unermessliche Menge möglicher Kombinationen vor. Was man hier über Thermodynamik hört, bannt Schüler, die in den Bänken und auf Stufen sitzend lauschen, und die Besucher. Einer ist Michael Schratz, Professor für Erziehungswissenschaften in Innsbruck und Vorsitzender der Jury des Deutschen Schulpreises. „Das hat Universitätsniveau“, sagt er sichtlich beeindruckt. Später verblüfft ihn die Debattierkunst im Englischunterricht oder wie Schüler aus der Oberstufe hier zuweilen in der Grundschule unterrichten oder Mitschülern der mittleren Jahrgänge helfen. An einem Tag im Jahr übernehmen die Schüler den ganzen Betrieb, Unterricht, Schulleitung, eben alles. Dann haben die Lehrer Ruhe für ihre Fortbildung.

Respekt und Neugier

Die Veränderung, die sich diese Schule von Anfang an vorgenommen hat, müsse von den Lehrern ausgehen, sagt Anke Bachmann, die Schulleiterin. 1993 gehörte sie zu den Gründungseltern und arbeitete noch an einer anderen Schule. Von Anfang ging es den Eltern und dann auch den Lehrern und schließlich den Schülern um eine Haltung gegenseitigen Respekts und der Neugier, sowie um eine freundliche Schulatmosphäre. Man vertraute darauf, dass sich dann gute Leistungen gar nicht vermeiden lassen. Und tatsächlich sind die Schülerinnen und Schüler sowohl beim Zentralabitur als auch bei Vergleicharbeiten im Lande Brandenburg Spitze. Wie äußert sich eine Haltung? Und wie arbeitet man daran? An hochtönenden Leitbildern mangelt es in unserer Schulen ja nicht.

schulpreis_2012_4Phantasie und Pragmatismus, so könnte das Motto dieser Schule lauten. Die Mischung macht es und die Kunst mit kleinen Veränderungen große Wirkungen zu erzeugen. Der Unterricht bekam mit Doppelstunden von 90 Minuten mehr Luft. Stundenpläne wurden übersichtlicher. Dann zog man 10 Minuten von jeder Stunde ab, sammelte die gewonnenen Minuten und schuf damit längere Zeiträume für die selbstständige Arbeit der Schüler. So bekommen die Tage Rhythmus. Eine andere Art von Rhythmisierung haben die Lehrer in den vergangenen Jahren mit ihren Teams gebildet, übrigens nach dem Vorbild von Schulen, die in den vergangenen Jahren mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. Ein Lehrerteam unterrichtet einen Jahrgang und organisiert sich seine Arbeit selbst. So entsteht Schritt für Schritt eine andere Gangart. Eine choreografische Schulreform. Sie hat vielerorts auf den Bühnen des Alltags begonnen. Kleine Schritte und große Bewegungen. Die Intelligenz der Praxis kündigt den großen Konzepten und den Ideologien die Hörigkeit. Die Praxis will nicht länger die Magd sein. So könnte sie tatsächlich die Königin werden.

„Lehren ohne Liebe macht müde“

„Das sind nicht nur irgendwelche Methoden.“ Darauf beharrt Anke Bachmann, die Schulleitern. Was sie damit meint, steht ganz oben auf der Homepage der Schule: „Lehren ohne Liebe macht müde, Lernen ohne Liebe macht blind, Leistung ohne Liebe macht erbarmungslos, Erfolg ohne Liebe macht einsam.“ Wer die Schule nicht gesehen hat, könnte dieses Sätze achselzuckend übergehen oder als zu pathetisch abwehren. Das wäre falsch. Diese Sätze Schulpreis 2012- Cafewurden in der Schule im Anschluss an den Satz aus einem Paulusbrief formuliert: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Die Schulleiterin erinnert sich wie ihr Kollege Klaus Goldkuhle während der Arbeit am Schulprogramm über diesen Satz philosophierte und später notierte: „Wozu diese Worte, wo doch das Denken die Liebe nicht fassen, geschweige denn verordnen kann?“ Diese Art zu denken kleistert mit Antworten und Sprüchen nicht zu, was offen bleiben muss, etwa so, wie in der älteren japanischen Tradition die Leere, die in hellwacher Gegenwart entsteht, und die als die Stelle gedacht wurde, in der sich Neues bildet. Solche undogmatische Spiritualität ist selten an den Schulen.

Das aktuelle Motto der Schule heißt: „Fische im Schwarm leben länger als einzelne.“ Was das bedeutet? Nachdem die Schule die ersten elf Jahre nur ein Gymnasium war, wurde 2004 eine Grundschule dazu gegründet. 2009 kam auch eine „Oberschule“ hinzu. So heißt in Brandenburg die Schulform für diejenigen, die nicht zum Gymnasium gehen. Der Schulleiterin ist diese Trennung gar nicht recht. Die Schule versucht die Schüler so weit es geht gemeinsam zu unterrichten. Sie kritisiert wie rigoros im Lande Brandenburg die Vorschriften sind, nach denen die gymnasialen und nicht gymnasialen Kinder getrennt werden. Tatächlich wurde die Oberschule an der Evi vor drei Jahren gegründet, um alle Kinder nach der Grundschule weiter in dieser Schule behalten zu können. „Wir haben die Kinder doch jetzt“, sagt Anke Bachmann „und versuchen im gegebenen Rahmen zu handeln.“ So geht sie beharrlich ihren listigen „Umweg zu einer Schule für alle.“ Der eine mit dem 12jährigen Gymnasium und der andere kann über die Oberschule nach 13 Jahren auch zum Abitur führen.

Der Blick auf die anderen vier Schulen, die ebenfall mit dem Schulpreis ausgezeichnet wurden und eine fünfte, die den Sonderpreis der Jury erhielt - jeweils sind es 25 000 Euro - zeigt wie vielfältig die Wege der Schulen inzwischen sind. Sie haben alle ihre Biographie. Die Schulen Rellinger Straße in Hamburg und Am Pfälzer Weg in Bremen zeigen, wie viel besser die Kinder lernen, wenn sie nicht in altersgleichen Jahrgängen unterrichtet werden. In der August–Claas-Schule in Harsewinkel kümmern sich Rentner um die Hauptschüler. Seitdem finden die meisten eine Lehrstelle. Die Bochumer Erich Kästner-Schule, eine Gesamtschule, war vor ein paar Jahren fast am Ende. Die Lehrer haben sich am eigenen Zopf aus dem Schulsumpf gezogen. Schließlich die Paul-Martini-Schule in Bonn, eine Klinikschule, die aus ihrer Not, keine richtige Schule zu sein, eine Tugend machte: Keine Schubladen. Jedes Kind wird als Individuum respektiert. Jedes wird überraschen.

Schulpreis 2012

Wenn Michael Schratz auf diese und die mehr als 20 Schulpreisschulen der letzten Jahre blickt, dann sieht er „eine Bewegung, die kein Ministerium schaffen könnte.“ Wie der Schulpreis wirkt, wurde jetzt an der Hamburger Max-Brauer-Schule deutlich. 2006 hat sie der Preis beflügelt. Da begann sie gerade die Klassen 5 bis 10 zur „Neuen MSB“ zu choreographieren. Statt Stundenplan nun Lernbüro, Werkstätten und Projekte. Inzwischen wurden die Ergebnisse in der Währung von Schulleistungen vom staatlichen Hamburger Landesinstitut für Schulentwicklung gemessen: Im Vergleich zu anderen Schulen haben die Schüler nach der 10. Klasse einen Vorsprung von zwei Schuljahren gewonnen. Im Jahre 2005 kamen in die 5. Klasse 40% der Schüler aus der Grundschule mit einer Gymnasialempfehlung. Nach der 10. Klasse, am Ende der Neuen-Max-Brauer-Schule gingen 68,5% in die gymnasiale Oberstufe, die an dieser Schule ebenfalls neuerfunden wurde, als Profiloberstufe. Im nächsten Jahr das gleiche Ergebnis.

Lange rieb man sich bei solchen Ergebnissen in Deutschland die Augen. Viele wunderten sich: so gute Leistungen, obwohl die Schule mehr auf Interesse und Freude setzt? Nein! Weil sie auf Interesse und Freude am Lernen setzt. Lernen ist eben ein indirekter Vorgang. Wer immer gleich aufs Tor zielt, schießt keine. Auf die Kombinationen kommt es an. Eben aufs Spiel. Das Zusammenspiel. Oder wie Anke Bachmann aus Neuruppin sagt: Auf die guten Beziehungen und auf das gute Klima. Das wäre dann für Schulerneuerer wie für Lernforscher die Neuro-Pin.

Fotos: Theodor Barth und Max Lautenschläger



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