|
Der Altschüler Tilman Jens zum 100. Jubiläum der Odenwaldschule
Sie haben dem Treiben auf Ober-Hambachs Höhen über einen Monat
zugeschaut, jetzt aber reicht es den zuständigen Ermittlern. „Wir wären
dankbar“, ließ die Darmstädter Staatsanwaltschaft am Montag sarkastisch
verlauten, „wenn Informationen auch an uns gingen.“ Straftatbestände
werden im Rechtsstaat nun einmal von der Justiz verfolgt. Sie verhört
Zeugen, Opfer und Täter. Sie macht, bei hinreichendem Verdacht, den
Beschuldigten einen, so der Anspruch, fairen und nicht den kurzen
Prozess. Sie allein spricht das Urteil. Aber all diese Tugenden
scheinen dieser Tage an der skandalgeplagten Odenwaldschule vergessen.
Ohne Zweifel: es hatte Größe, dass Margarita Kaufmann, die Internats-Leiterin, seit 2007 im Amt, Anfang März an die Öffentlichkeit ging, das Ausmaß des durch nichts, aber auch gar nichts zu relativierenden Skandals mit Entsetzen benannte, die innerschulische Aufarbeitung der spätestens seit 1999 bekannten Vorwürfe als unverantwortlich geißelte, um Verzeihung bat und sich für einen glaubwürdigen Neuanfang verbürgte. Was dann freilich an meiner alten Schule geschah, war nicht Aufklärung, sondern Hatz und Selbstjustiz. In diesen Wochen geistert McCarthy durch den Odenwald.
Da wird nicht analysiert, sondern blindwütig Verdacht gestreut. Hat nicht auch der Reform-Pädagoge Hartmut von Hentig einmal an der Schule geduscht? Auszuschließen scheint nichts mehr zu sein. Die Vorwürfe, die an der OSO (wie die Odenwaldschule Ober-Hambach im Insider-Jargon heißt) eintreffen, werden eins zu eins an die Medien weitergegeben. Man gefällt sich in der Rolle des Durchlauferhitzers von wilden Gerüchten. Über Ostern hätten sich weitere Opfer gemeldet und von „furchtbaren Misshandlungen von Schülern an Schülern“ berichtetet. Verbrühte Genitalien, eine Vergewaltigung mit einer Banane meldet Frau Kaufmann subito. Überprüft ist nichts. Aber am folgenden Tag steht’s in der Zeitung. Von nächtlichen Schreien gequälter Zöglinge müssen wir lesen, von vier Selbstmorden, begangen von Absolventen der Schule. Es sei nicht auszuschließen, dass auch sie von Lehrern missbraucht worden seien. Für eine Recherche der Fälle und ihrer Begleitumstände fehlt die Zeit. Die Staatsanwaltschaft wird nicht eingeschaltet. Die Medien aber werden flugs alarmiert. Die Denunziation der eigenen Vergangenheit scheint zum zwanghaften Ritual der Buße geworden.
Jeden Tag neue Rekorde: Beinah die Hälfte der einstigenMitarbeiterschaft sei zum Kreis der Beschuldigten zu rechnen, tut die Schulleiterin kund. Zu denen zählt sie auch meinen alten Lehrer Hartmut A. – der Mann, der seine Verbundenheit mit Paulus Geheeb, dem Urvater der OSO, mit einem Rauschebart zu unterstreichen pflegte, war vielleicht kein Pädagoge vor dem Herrn, aber eine integre Erscheinung nun ganz gewiss. Jetzt soll er sich, so steht’s in einem Brief der Schule, nie wieder an seiner einstigen Wirkungsstätte blicken lassen. Was hat er verbrochen? Er hat sich Anfang der 70er in eine Abiturientin verliebt, eine junge Frau von damals 20 Jahren. Ja, die beiden hatten eine kurze, verbotene Lehrer-Schüler-Affäre. Und dann, bald nach ihrem Maturum, hat Hartmut seine Carola geheiratet, das schlampamperte Verhältnis in den gut-bürgerlichen Rahmen überführt, eine Familie mit reichem Kindersegen gegründet.
Und dafür bekommt der Mann nun knapp vierzig Jahre später Hausverbot. Das ist lächerlich.
Was nur geht da vor? Gilt der Aktionismus am Vorabend der Hundertjahres-Feier wirklich der Aufarbeitung von unzweifelhaft begangenen, wenn auch wohl großteils verjährten Verbrechen? Oder wird hier vornehmlich kollektive Rache geübt? Die Schandtaten haben einige, wenige begangen, von denen wiederum zumindest einer, Jürgen K., der Stripp-Pokerer, der ewig jugendbewegte Päderast mit Landser-Manieren, seine Vergangenheit heute mit Amnesie zu ummänteln sucht. „Ich alter Herr habe gar keine Erinnerung mehr.“ Dem Manne kann geholfen werden.
Aber, leider, scheint die hartnäckig-geduldige, präzise und selbstkritische Aufklärung der grausamen Vorgänge nicht mehr im Fokus zu stehen. Vielmehr werden die Missbrauchsfälle zur zeitgeistgemäßen Diffamierung eines freiheitlichen Erziehungs-Systems benutzt, das die Odenwaldschule bis dato auszeichnet hat, kurz: zur Selbstzerstörung der eigenen Tradition, einer Pädagogik, die nicht das hohe Lied der Disziplin sang, sondern Partnerschaft und Nähe zwischen Lehrern und Schüler aus guten Gründen zuließ. Nähe wohlgemerkt, nicht deren Perversion durch Missbrauch!
Nun steht die OSO, nicht zuletzt durch die selbstverschuldete Verschleppung des Skandals, mit dem Rücken zur Wand, mehr noch: Sie wird dieser Tage ganz offensichtlich erpresst. „Mein Name ist Gerhard Roese. Schüler der Odenwaldschule war ich von 1975 bis 1982.“ So beginnt ein seltsames Bekennerschreiben an Förderverein und Vorstand des Internats. Der Verfasser, ein bis vor kurzem eher unbekannter Bildhauer aus Darmstadt, darf nun als prominentestes Opfer sexueller Gewalt an der OSO gelten. Dem Mann ist – nach allem, was wir wissen – vor allem durch seinen Musiklehrer Schlimmes widerfahren. Und er ist bereit, wo immer sich Gelegenheit bietet - Stern und Stern-TV, ARD und ZDF, Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau -, in immer neuen, immer schaurigeren Details von seinen Erlebnissen zu reden. Soll er! Doch Roese – stets einen Altlehrer und einen medial als „Opferanwalt“ geadelten Advokaten im Schlepptau - will noch weit mehr: „Kompensation meiner an der Odenwaldschule erlittenen Grausamkeiten und Qualen.“
Er will kein Geld, er will künftig die pädagogischen Richtlinien seiner einstigen Schule nach eigenem Gusto bestimmen, deren alte demokratische Prinzipien brechen, die paritätisch mit Schülern und Lehrern besetzte Schulkonferenz entmachten, die Personalpolitik grundlegend verändern, keine „Reformpädagogenschaft“ mehr, wie Roese das nennt. Niemals wieder Bielefeld! Er hat seine Anweisungen zur großen Rolle Rückwärts in zehn Gebote gefasst und kündigt in seinem Schreiben an, er werde so schnell nicht aufgeben. „Ich bin entschlossen, die publizistische Aufmerksamkeit des 100jährigen Jubiläums der Odenwaldschule zu nutzen und mich an die Presse und an das Kultusministerium zu wenden, falls meine Forderungen nicht umgesetzt werden.“
Das könnte man wohl auch Nötigung nennen. Die Schule jedenfalls pariert. Roese kann behaupten, was immer er will, so irrwitzig seine Anwürfe auch sein mögen: aus Ober-Hambach ist kein Dementi zu erwarten. In einem offenen Brief des Altschülers Friedrich Glauner von diesem Montag heißt es etwa: „Ich frage mich ernsthaft, weshalb Herr Roese ungestraft die Stammtische mit ungeklärten Behauptungen überschwemmen darf, ohne dass hier von der Schulleitung widersprochen und entschieden auch juristisch Einhalt geboten wird, z.B. bei der im ZDF aufgestellten Behauptung von Hodenquetsch-Spielchen, in deren Folge die Schreie gequälter Kinder das Hambachtal durchhallten.“
Mehr noch: Roese sagt, er habe seinem damaligen Schulleiter Gerold Becker, einem der Hauptbeschuldigten des Skandals, 1977 in dessen Büro von den Übergriffen seines Musiklehrers Held berichtet. Becker aber sei – warum wohl? - untätig geblieben. Da habe ein Kinderschänder den anderen gedeckt. Das ist auch die Version der Schule, maßgebliches Indiz für eine kriminelle Seilschaft.
Der schwerstkranke Gerold Becker hat seine eigene Schuld mittlerweile eingestanden. Dass er freilich jemals von dem Schüler über einen Missbrauch informiert worden wäre, dementiert er in einer Gedächtnis-Notiz vom 21.3.2010, die auch der Schule bekannt ist: „Wenn Gerhard Roese da oder woanders irgendwelche konkreten oder massiven Anschuldigungen erhoben hätte, würden bei mir sicher die Alarmglocken laut geklingelt haben. Und das jedenfalls hätte ich bis heute nicht vergessen.“ So steht nun Wort gegen Wort. Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit sieht vor, dass auch Beschuldigte vor seinen Richtern Gehör findet – an der OSO aber gilt, und sei es aus der Hoffnung, dass der Mann endlich Ruhe gebe, nur das Wort Roeses. Natürlich verdienen die Opfer Mitleid und Respekt. Aber, offen gesagt: Gerechtere, weisere Menschen sind sie allein durch ihr Opfersein nicht.
Ja, es ist überfällig, dass die so lang gedeckelten Geschichten ans Licht kommen. Es ist wichtig, dass die Fälle so genau wie irgend möglich aufgeklärt werden. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass beim Jubiläum an diesem Wochenende ausgiebig gesprochen werden wird. Nur sollte es möglich sein, das Problem auch wirklich aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu diskutieren. Dies aber ist unerwünscht. Ich weiß, wovon ich rede. Zur anberaumten Podiums-Diskussion am kommenden Freitag war auch ich auf die Odenwaldschule eingeladen. Dann kam zwei Tage später eine Mail. Man dankt für meine Zusage. Aber: „Leider hat uns einer der Betroffenen signalisiert, dass er Schwierigkeiten mit Ihrer persönlichen Haltung den Vorfällen habe. Das bedauern wir sehr, wollen aber in der aktuellen Situation Rücksicht nehmen und diesen Wunsch respektieren. Deshalb möchten wir Sie bitten, im Interesse des Gelingens dieser ersten Diskussionsrunde von der Teilnahme abzusehen.“
Schade. Aber auch aufschlussreich. Was bringt Roese und die Seinen so in Rage? Ich habe nicht mehr getan, als – in eine im „Spiegel“ veröffentlichten Erinnerung an meine OSO-Zeit – den Gedanken einfließen zu lassen, dass auch Gerold Becker, bei allem, ein Mensch und kein Monster ist und dass womöglich alle gut beraten wären, das von ihm angebotene Gespräch, so lange es noch Gelegenheit dazu gibt, aufzunehmen. Der souveräne Diskurs hat Tradition an dieser Schule. Abstrafung, Hausverbote für eine Riege von 70 bis 80jährigen Männern ist nicht mehr als blinder Aktionismus.
Aber diejenigen, die an der Odenwaldschule jetzt das Sagen haben, wollen kein offenes Forum. Die dürsten nach einem Tribunal. Die haben in Sachen Transparenz aus den Fehlern der Vergangenheit nichts, aber auch gar nichts gelernt. Der alte hermetische Zirkel wird durch einen neuen, wie es scheinen muss, nicht minder hermetischen ersetzt. Wahrlich ein rundum verhageltes Jubiläum. Dabei war die OSO zuallererst nicht Knabenpuff, sondern eine ganz wunderbare Schule.
Der Artikel von Tilman Jens ist am 14.4.2010 leicht gekürzt in der Neuen Westfälischen (Bielefeld) erschienen.
|