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Vortrag auf dem Kongress „Musik bildet“ Staatsoper Berlin 14.9.07
von Matthias von Hülsen
Nach Daniel Barenboim, Gustavo Dudamel und Daniel Hope und ihren musikpädagogischen und musikalischen Höhenflügen ist es meine Aufgabe, Sie „ Down to Earth“ zu führen und ich möchte Sie aufrütteln!
Folgen Sie mir bitte erst einmal ganz nach unten:
Draußen dröhnt aus fast jeder Ecke irgendein Lautsprecher, im Fahrstuhl, im Einkaufszentrum, also unserem großstädtischen Marktplatz oder sogar auf U-Bahnhöfen, wo man mit klassischer Musik die Obdachlosen vertreibt. In der Wohnstube wird der Fernseher nie ausgesellt, in den Kinderzimmern, falls vorhanden, steht häufig auch ein solches Gerät und in der Küche spielt fast ganztags das Radio. Das ist die übliche akustische und mediale Umwelt, in der die Kinder in Hamburg-Steilshoop aufwachsen, einem Stadtteil vergleichbar mit Marzan oder dem masurischen Viertel hier.
16,9 % der Kinder- und Jugendlichen leben in
Armut
In diesem Häuserkonglomerat aus den 70er Jahren drängen sich 25 000
Einwohner in Plattenbauten westdeutscher Bauart. Es ist der
kinderreichste Stadtteil Hamburgs. Die Mehrheit der Bewohner hat einen
Zuwanderungshintergrund. Hartz IV ist für viele die Lebensgrundlage. Es
ist der Stadtteil, in dem ich seit 27 Jahren als Kinderarzt
praktiziere, gemeinsam mit einem Kollegen, zuständig für etwa 10 000
Kinder und Jugendliche. Kinderarmut ist hier an der Tagesordnung. Laut
UNICEF leben in Deutschland 16,9 % der Kinder- und Jugendlichen in
Armut.
Was ist Kinderarmut und woher rührt sie und was bedeutet sie, hier in
unserem Land, in dem niemand verhungern muss? Ich kenne sie, seit ich
in Steilshoop praktiziere, manchmal kann man sie förmlich riechen.
Inzwischen ist sogar die Politik beunruhigt und die frühkindliche
Erziehung ist zu einem echten politischen Thema geworden.
In ihrem Armutsbericht von 2005 schreibt die Regierung, sie haben
begriffen, dass sich Armut und Reichtum nicht alleine an der Verteilung
materieller Güter festmachen lassen, sondern dass die Chancen des
Einzelnen zur Entfaltung seiner Fähigkeiten und zur Teilhabe an Kultur
und Gesellschaft auch eine entscheidende Rolle spielen. Armut heißt bei
uns mangelnde Verwirklichungschancen, entstehend aus dem Teufelskreis
fehlender frühkindlicher Förderung, fehlender späterer
Bildungsabschlüsse, unzureichender oder fehlender Ausbildung, was
wiederum zu geringem Einkommen oder Arbeitslosigkeit führt.
Morgens hungrig zur Schule
Die Auswirkungen für die Kinder, die unter solchen Verhältnissen aufwachsen, sind gravierend:
Wie der Kinderschutzbund feststellt, sparen Familien mit geringem
Einkommen einerseits an Dingen, die über die existentiellen Bedürfnisse
hinausgehen, und neigen gleichzeitig aus mangelndem Selbstwertgefühl zu
Ersatzhandlungen, denn für Statussymbole wie Markenkleidung oder Handys
wird andererseits überproportional viel ausgegeben. Kultur ist für sie
Luxus. Ihre Kinder haben deutlich weniger Möglichkeiten am sozialen und
kulturellen Leben teilzunehmen. Schwimmbad, Theater, Klassenfahrten
oder Mitgliedschaft im Sportverein sind dann unerschwinglich. Kinder die
morgens hungrig zur Schule gehen, gehören leider zum traurigen Alltag
für viele Betreuer.
Auch gesundheitliche Probleme häufen sich in Familien mit einem
schwachen sozialen Hintergrund und äußern sich in vielen Fällen in einer
benachteiligten körperlichen und geistigen Entwicklung. Fehlernährung
und Bewegungsmangel führen zu Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und
immer häufiger zu Übergewicht. Defizite in der Motorik und
Sprachfähigkeit häufen sich. Elke Schäffner und Eva Landmann,
Kinderärztinnen aus Berlin und Gießen, haben kürzlich eindrucksvoll
dargelegt, dass Kinder mit diesem Background nachweislich ungünstigere
Kranheitsverläufe bei chronischen Krankheiten haben, vor der Einschulung
deutlich häufiger Gesundheits- und Entwicklungsstörungen aufweisen und
auch häufiger von Unfallverletzungen betroffen sind. Sie machen noch
einmal öffentlich, wie wir Kinderärzte zunehmend mit der Hilflosigkeit
und Unfähigkeit vieler Eltern konfrontiert werden. Diese Eltern schaffen
es nicht, für ihre kranken oder gesunden Kinder angemessen zu sorgen:
sie sind mit ihren Pflichten überfordert. Die Kolleginnen überspitzen es
deutlich in dem Satz: „Nicht Geige oder Ballett ist hier die Frage,
sondern hungrig oder satt.“
Soziale Kompetenzen und die
Fähigkeit mit Anderen umzugehen verkümmern.
Wie im Armutsbericht der Bundesregierung nachzulesen, leidet auch die
emotionale Entwicklung der Kinder durch Umgang mit Problemen wie Gewalt
und Alkoholismus, dem Fehlen von Zuwendung und Orientierungswerten,
sowie von Freunden und Ansprechpartnern. Soziale Kompetenzen und die
Fähigkeit mit Anderen umzugehen verkümmern.
Es handelt sich natürlich nicht allein ein Problem von Hamburg
Steilshoop. Wissenschaftler des Londoner University College Hospital
haben dieses Jahr errechnet, dass 219 Millionen Kinder unter 5 Jahren
weltweit ihr geistiges Potential nicht ausschöpfen können, weil es ihnen
an Ernährung, Gesundheit und Ausbildungsmöglichkeiten mangelt. Auch in
Deutschland betrifft das Kinder in Millionenzahl, denn allein über zwei
Millionen Kinder leben hier auf Sozialhilfeniveau und die Kinderarmut
steigt nachweislich schneller als die Erwachsenenarmut.
Hier, zwischen den prächtigen Säulen des Apollosaals hört sich das
vielleicht etwas abstrakt an. Wer und wo sind die, von denen wir hier
sprechen, um deren Chancen oder Chancenlosigkeit es geht, die, die
unsere Gesellschaft nicht ausreichend an die Hand nimmt und führt? Wie
sehen sie aus, diese kleinen Persönlichkeiten, die ihr ganzes Leben noch
vor sich haben, die, denen wahrscheinlich ein Fehlstart in die
Gesellschaft bevorsteht, oder die, die es vermutlich schaffen werden
einen guten Platz zu finden? Sehr subjektiv und provokativ möchte ich
Ihnen einige davon vorstellen, und Ihnen zeigen, wie sie beim Start
aussehen und andeuten, was aus ihnen schon geworden ist oder werden
könnte: Die Kinderbilder sind authentisch und die kurzen Geschichten
dazu nah an der Wirklichkeit, aber verschlüsselt.
Wer sind die Kinder, um deren Chancen oder Chancenlosigkeit es geht?
(Im Vortrag folgte eine Fotoserie von 20 Portraitfotos von Kleinkindern, die
Patienten der Steilshooper Praxis sind. Diese Fotos sind zur
Veröffentlichung nicht autorisiert und können daher nicht veröffentlicht, sondern nur beschrieben werden.)
1. Foto: (Skeptisch dreinschauender blonder Lockenschopf) Das ist
Antonia: Damals war sie 3 Jahre alt. Sie kam in eine riesig große
Kindertagesstätte und hat nur unregelmäßig an einer Ergotherapie
teilgenommen. Sie geht jetzt in die 2. Klasse und hat große Probleme
sich zu konzentrieren. Sie ist unruhig, stört den Unterricht und packt
das mit dem Schreiben überhaupt nicht. Ihre Mutter ist allein erziehend
und voll beruftstätig. Der Kinderneurologe empfiehlt eine
Stimulantienbehandlung, die die Mutter ablehnt. Ihre Schulkarriere ist gefährdet.
2. Foto: Kevin
(Offen dreinschauender auf der Untersuchungsliege sitzender
Säugling) Kevin sehen Sie hier kurz vor seinem 1. Geburtstag und noch
gerade vertretbar pummelig. Er kommt jetzt in die Schule und war vorher
nicht in der Kita. Er hat jetzt 10 kg Übergewicht, kommt leicht aus der
Puste und seine Eltern sagen: „Was sollen wir tun? Er isst doch nur
Pommes oder Milchschnitte. Sein Lieblingsspielzeug ist der Gameboy mit
dem er sich sehr geschickt anstellt.“
3. Foto: Rami
(Mit großen und blitzenden Augen neugierig über die
Schreibtischkante schauendes Kind)
Rami sehen Sie hier im Alter von 2.
Seine Eltern stammen aus Afghanistan, er hat drei große Geschwister,
kommt jetzt in die 2. Klasse und spielt seit 2 Jahren auf einem
Clavinova. Sein Vater fährt Taxi und seine Mutter hilft in einem
Frisiersalon aus. Seine große Schwester trug 2 Jahre lang den Schleier,
hat diesen inzwischen abgelegt und ein 1er Abitur gemacht. Es war nicht
leicht die Eltern davon zu überzeugen, dass sie an Klassenfahrten
teilnimmt. Rami ist in der Schule sehr beliebt und ein echter
Überflieger.
4. Foto: Kimberley
(Vom über und über tätowierten Arm seiner Mutter gehaltener,
ratlos schauender Säugling) Dies ist Kimberly im Alter von 6 Monaten.
Ihre Mutter ist arbeitslos und allein erziehend, sie raucht und hat
nicht gestillt. Das Jugendamt hatte für einen Krippenplatz gesorgt, in
dessen Genuss Kimberly nicht gekommen ist, da die Mutter mehrfach mit
ihr umgezogen ist. Kimberly ist jetzt 5 Jahre alt und war neulich
notfallmäßig wegen einer fieberhaften Erkrankung mit einer Tante bei
mir. Ihr fehlen fast alle Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen. Sie war
verängstigt und hat nur geschrieen. Ihre Lebensaussichten scheinen
ziemlich düster. Das Jugendamt ist dran, fragt sich nur mit welchem
Erfolg.
5. Foto: Stacey
(Frech auf den Betrachter zeigendes kleines afrikanisches
Mädchen) Stacey, hier 14 Monate alt, hat eine angeblich allein
erziehende und arbeitslose Mutter, die aus Ghana stammt, allerdings mit
einem sehr gepflegten Erscheinungsbild aufwartet. Stacey war vom 1.
Geburtstag an in der Kita, ist jetzt 5 Jahre alt, sprachlich gewandt,
blitzgescheit, willenstark, singt mehrere Strophen deutscher
Kinderlieder und brennt auf den Schulbeginn. Ich mache mir um sie keine
Sorgen.
6. Foto:Manuel
(Treuherzig blickender und mit einer Holzeisenbahn spielender
blonder Junge. Die Steilshooper Wohnsilos im Hintergrund durch das
Fenster erkennbar) Manuel hier kurz vor seinem dritten Geburtstag geht
jetzt in die 2. Klasse und war nicht im Kindergarten. Sein Vater fährt
Gabelstapler und seine Mutter geht sehr früh morgens putzen. Er und sein
größerer Bruder haben massive Probleme in der Schule. Er zeigt bereits
deutliches Imponiergehabe, erstes Anzeichen für einen möglichen Weg auf
eine schiefe Bahn.
7. Foto: May Than
(Süßes asiatisches Mädchen mit Pagenkopffrisur) May Than, aus
Vietnam stammend, hier knapp 3, hat schwere Sprachprobleme in der
Schule. Ihr Vater ist Koch und die Mutter, des Deutschen kaum mächtig,
war immer mit ihr alleine zu Haus. Einer logopädischen Therapie ist sie
nicht nachgekommen. Die Familie entzieht sich therapeutischen Zugriffen,
auch in der Schule kommen sie dort zur Zeit mit ihr nicht weiter.
8. Foto: Kathera
( Mädchen mit träumendem Gesichtsausdruck) Kathera, hier 7 ist
immer sehr traurig. Ihre türkischen Eltern sprechen kaum deutsch und
wovon sie leben ist mir nicht ersichtlich. Sie betreut 2 kleine
Geschwister und besucht die Schule daher unregelmäßig. Vermutlich wird
sie bald wie ihre ältere Schwester mit Kopftuch erscheinen. Ob sie die
Kraft hat zu erreichen, dass sie nicht in einer Nebenwelt verschwindet,
muss sich zeigen.
9. Foto: Melinda
(Verwirrt und unsicher wirkendes blondes Kleinkind) Ob Melinda
in die Sonderschule kommt steht noch auf der Kippe. Hier ist sie 16
Monate alt und kann noch nicht laufen. Alle ihre Entwicklungsdaten sind
verzögert. Ihre allein erziehende und beruftätige Mutter hatte riesige
Mühe, alle notwendigen diagnostischen und therapeutischen Termine zu
realisieren. Ob…
10. Foto: Ali
(Verschmitzt und nachdenklich wirkender Junge) Ali, dessen
Mutter kurz nach dieser Aufnahme starb und dessen Schulleistungen
seitdem total abgesackt sind und der nun Anschluss an zweifelhafte
Jugendgangs sucht, oder …
11. Foto: Angelina
(herzlich mit Zahnfehlstellung lachendes Mädchen) Angelina, die mehrfach am Herzen operiert werden musste, oder…
12. Foto:Firad
(Vierjähriger Junge mit Forscherblick und medizinischem Gerät)
Firad, der gerne Kinderarzt werden möchte und locker das Zeug dazu
hätte. Oder …
13. Foto: Kevin
(Kleiner Junge mit sehr melancholischer Mimik) Kevin, der sich im Kindergarten absondert, oder …
14. Foto: Fatima
(Pakistanisches Mädchen mit Kopftuch, prächtig besticktem
Kleid, eingerahmt von zwei stolz blickenden kleinen Brüdern) Fatima und
ihre Brüder, die in einer Parallelwelt leben, oder …
15. Foto: Luca und Roberto
(Fröhlich lachende Brüder aufeinander reitend) Luca und
Roberto, die sich die gute Laune, trotz wirtschaftlicher Not ihrer
Eltern nicht nehmen lassen, oder …
16. Foto: Nancy
( Kleines afrikanisches Mädchen mit Rassel und bunten
Haarschleifen) Nancy, deren Mutter sich als Toilettenfrau in einem
Elektromegastore durchschlägt, oder …
17. Foto: Sibylle und Lotta
(zwei durchgehend rosa gekleidete madonnenmäßig lächelnde
blondzöpfige Mädel mit Babyborn und Felix Hase auf dem Schoß) Sibylle
und Lotta, denen es sichtlich gut geht, seitden sie aus Steilshoop
fortgezogen sind und die positiv aus dieser Serie hervorstechen, oder …
18. Foto: Mirko und Manon
(Aufmerksam mit einer Murmelbahn spielende Geschwister) Mirko
und Manon, deren Eltern inzwischen geschieden sind, und die sich in
neuen und getrennten Umgebungen zurecht finden müssen, oder …
19. Foto: Jody und July
(Halbjährige gemütlich auf dem Schoß ihrer prächtig
gekleideten afrikanischen Großmutter sitzende Zwillinge) Jody und July,
die bei der Oma aufwachsen, sie alle brauchen wie …
20. Foto: Elvis
( Anderthalbjäriger Junge, der konzentriert eine Kugel auf der
Murmelbahn in Starposition bringt) Elvis, dem man noch nicht ansehen
kann, dass der Alkoholmissbrauch in seinem Elternhaus bestimmend ist,
eine Chance.
Nur fünf der gezeigten Kinder hatten echte Chancen für ihren Start ins Leben.
Um Chancen zu haben ist Förderung notwendig
Zu einem solchen Start in Chancengleichheit gehören nicht nur ein
angemessenes Existenzminimum, sondern auch Betreuungsangebote und
ausreichende Fördermöglichkeiten. Wenn Altbundespräsident Herzog 2006
auf dem 2. Forum „Kinder in Deutschland“ feststellt, dass Kinder ohne
Chancen die Arbeitslosen von morgen sind, und postuliert, dass die
Überwindung der Kinderarmut eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben ist,
und wenn wir verstehen, dass Kinderarmut bei uns vor allem bedeutet,
dass Kindern die Entfaltung ihrer Fähigkeiten und die Teilhabe an Kultur
und Gesellschaft vorenthalten wird, dann heißt das doch im Klartext,
dass wir als Gesellschaft unabhängig vom Elternhaus diese Kinder
besonders fördern müssen! Aber vorher müssen wir sie auch finden!
Hilflos sind viele Eltern dem Konsum- und Mediendruck ausgesetzt. Sie
lassen, wie eingangs geschildert, eine akustische Vermüllung und
Reizüberflutung der kindlichen Umgebung zu und wissen gar nicht, wie sie
dabei das kreative Potential ihrer Kinder verstümmeln.
21. Foto: Sofia
Sofia (5) nimmt Teil am kulturellen Leben und zeigt nach einem
Konzert stolz Viviane Hagner ihre Achtelgeige. Sie ist ein Kind
berufstätiger Eltern und geht in Hamburg-Winterhude in einen
Ganztagskindergarten in dem viel gesungen und konzentriert gestalterisch
mit den Kindern gearbeitet wird. Sie ist ein reiches Kind, denn sie hat
ein Elternhaus, das ihr die Teilhabe an Kultur und Gesellschaft
ermöglicht. Die Frage: Geige oder Ballett hat sie entschieden: Sie macht
beides. Im Fernsehen schaut sie lediglich die Amadeusserie. Sie sieht
im Kino mit ihren Eltern und Geschwistern geeignete Filme, besucht das
Kindertheater und war auch schon in der „Zauberflöte“. Dafür ist sie von
Hamburg zur Lindenoper hierher gereist, da die Eltern die Hamburger
Achim Freyer Inszenierung für sie ungeeignet hielten. Doch Sofia ist
eher die Ausnahme.
Ob Kevin, Kimberly, May Than, Kathera, Melinda, Angelina, Fatima, Nancy,
Mirko, Manon, Jody, July oder Elvis, die sie eben kurz erlebt haben,
mit ihren hier nur oberflächlich angedeuteten Defiziten einen
angemessenen Platz in unserer Gesellschaft finden werden, ist alles
andere als sicher, eine Drogen-, kriminelle- oder Prostitutionskarriere
ist nicht ausgeschlossen.
BUchstart - Projekt Hamburger KIndeärzte
Doch ein zartes Pflänzlein blüht auch in Hamburg. „Buchstart“ heißt ein
Projekt der Hamburger Kinderärzte, der Kulturbehörde und ist gesponsert
von Gruner und Jahr. Vor dem ersten Geburtstag können wir anlässlich der
Vorsorgeuntersuchung U6 den Eltern ein kleines Bilderbuchpaket mit
einem Begleitschreiben des Bundespräsidenten überreichen. Die
Dankbarkeit ist so überschwänglich, dass man es weiter ausbauen wird.
Man stelle sich vor, wir Kinderärzte könnten anlässlich von U7 ein
Bildungsangebot wie den Musikkindergarten unterbreiten, denn bis zu
diesem Zeitpunkt vor dem 2. Geburtstag werden noch von fast allen die
Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen. Danach verläuft sich die
Teilnahmebereitschaft leider besonders in den sozial schwachen Familien.
Wir Kinderärzte sind also die einzigen die in dieser Breite Zugriff auf
diese Altersklasse haben. Für Kevin, Kimberly und ihre Altersgenossen
ist der Zug leider schon abgefahren.
Musikkindergarten Berlin
Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass eine solche
Weichenstellung bedrohliche Karrieren, wie eben geschildert, verhindern
kann. Durch den Zugang zu einer frühen Förderung, wie es die
Musikkindergartenpädagogik sein kann, ist es möglich in einer frühen
Entwicklungsphase, wie sie in ihrem hirnorganischen
Entwicklungspotential gestern so eindrucksvoll von Wolf Singer
dargestellt wurde, entscheidende Impulse zu setzen und einer
irreversiblen Fehlentwicklung vorzubeugen.. Das Trainieren, ja bahnen
der Sinne – auditiv und taktilkinestetisch, die musische Zuwendung und
das Entwickeln von Gespür von Rhythmik, Sprache und Tanz – es könnte den
Teufelskreis früh durchbrechen.
Doch wenn die Kinder gefunden sind, wer nimmt sie an die Hand und führt
sie auf den Weg des Berliner Pilotprojektes, das Daniel Barenboim
inauguriert hat? Das können vorerst nur engagierte Bürgerinnen und
Bürger tun. Der Name des Erfinders, als Humanist mit den Mitteln der
Musik bekannt und ausgewiesen, wäre Programm nach dem Vorbild von Yehudi
Menuhins „Live Music Now!“. Diese Initiative gibt es inzwischen in fast
jeder großen Stadt, in den Gefängnissen, Altenheimen oder
Krankenhäusern: Dort musizieren junge Künstler, wo die Musik sonst nicht
hinkommt. Deutschland hat schließlich die größte Klangkörperdichte, und
ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Orchestermusiker und
Choristen nicht dem legendären Chef der Berliner Staatskapelle und
seinen Musikern nacheifern wollen. Sie könnten sich dabei von privaten
Vereinen unterstützen lassen, die folgendermaßen heißen könnten:
Daniel Barenboim: Early Education by Music, Now
oder hier noch besser:
Daniel Barenboim: Kindliche Früherziehung durch Musik – Jetzt!
Und Schluss wäre mit der Spirale in die Ausweglosigkeit!
Mit dem Motto, das Leonhard Bernstein dem neuen Schleswig-Holstein
Musik Festival, Shakespeare zitierend mit auf den Weg gegeben hat,
möchte ich schließen:
„If music be the food of love, play on!“
Der Referent Matthias von Hülsen ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und praktiziert in Hamburg.
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