Aufruf zum Konvent „Der dritte Pädagoge“ vom 20. bis 22 März in Münster Drucken

Newsletter vom 4.Februar 2009

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Liebe Mitglieder im Netzwerk, liebe Freunde des Archivs der Zukunft,

wie Sie wissen, sollen Schulen, Kindergärten und Hochschulen in Deutschland vom Konjunkturprogramm des Bundes und der Länder profitieren. Aber man muss über die notwendige Sanierung hinaus denken.

Es ist Zeit für einen pädagogischen Umbau.

Es geht gleichermaßen um den Raum, die Atmosphäre und die Choreografie des Lernens und Lehrens. 

Das Konjunkturprogramm öffnet Chancen.

Es gilt, Pädagogen und Architekten, Kommunalpolitiker und NGOs, aber auch Eltern, Schüler und Künstler, also die Intelligenz der Praxis zusammen zu bringen.

Das muss bald sein. Also haben wir wieder mal das gemacht, was unser Ehrenmitglied Hartmut von Hentig über seinen Vater, der bei der Kavallerie war, so erzählt: In schwierigen Situationen stieg er vom Pferd und warf den Sattel über das Hindernis. Das Pferd sprang hinterher und ihm folgte der Reiter.

HerzlichReinhard Kahl

 

 

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„Kinder sind keine Fässer die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ 

Francois Rabelais
1484 bis 1533
Schriftsteller, Arzt und Priester

Kita Bremen Copyright adz-Mitglied Peter Hübner

 

Archiv der Zukunft - Netzwerk 

Über die Sanierung hinaus:

DER DRITTE PÄDAGOGE

Aufruf zum Münsteraner Konvent

Unterstützt von: Robert Bosch Stiftung, „Blick über den Zaun“,  Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Montag Stiftung Urbane Räume, Unfallkasse NRW, Internationale Bauausstellung IBA Hamburg.

20. bis 22. März 2009 in der Wartburg Grundschule Münster

Aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung und der Länder fließen 8,66 Milliarden Euro in die Sanierung und in den Ausbau von Schulen, Kindergärten und Hochschulen.

Allerdings werden allein 73 Milliarden gebraucht, um zu verhindern, dass es bald in noch mehr Schulen reinregnet und dass nicht noch mehr baufällige Treppenhäuser gesperrt werden müssen. Diese Summe hat das Deutsche Institut für Urbanistik errechnet. Dringender Ausbau, etwa von Mensen in Ganztagsschulen, sind in diesen 73 Mrd. nicht enthalten.

Man kann kritisieren, das Konjunkturprogramm sei hastig eingefädelt und nur ein Halbfertigprodukt. Aber genau darin liegt auch eine zivilgesellschaftliche Chance. Ein unfertiges Programm muss den Umständen angepasst werden, so könnten die Einrichtungen vor Ort es mit ihrem Eigensinn aufladen und mit lokalen Initiativen verbinden. Ein perfekt durchdekliniertes Vergabeverfahren bräuchte zu lange und würde die Funktion als Konjunkturspritze vereiteln.

So könnte eine Nebenwirkung des Programms eine Vitalisierung der Zivilgesellschaft sein. Eine Antwort auf die Krise der Wertschöpfungsketten muss die Stärkung der Wertschätzungsketten sein.

Also nicht bloß Fenster auswechseln, Wände frisch anmalen und Fachräume besser ausstatten. Gewiss, auch das. Aber damit würde das Programm nicht über jene Kurzatmigkeit hinauskommen, die global in die Krise geraten ist: ökonomisch, ökologisch und längst auch pädagogisch. 

Wir müssen Bildungseinrichtungen zu starken kulturellen Orten machen. Dieser Umbau ist angesichts der Krise noch dringender geworden. Er wird von vielen Lehrerinnen und Lehrern, von Eltern und Schülern gewünscht. Ein Dämmern von „Change“ auch in Deutschland? Dieser Wunsch ist oft noch diffus. Er muss klar formuliert und in die Öffentlichkeit getragen werden: Schulen nicht mehr als Container einrichten, in denen Kinder und Jugendliche mit Wissen abgefüllt werden.

Sollten Schulen und andere Bildungshäuser nicht irdische Kathedralen werden? Orte, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will? Wie heißt man die nächste Generation willkommen? Oder wird sie vorwiegend unter instrumentellen Gesichtspunkten ausgebildet? An den Räumen werden diese Fragen konkret, anschaulich und entscheidbar.

„Der Geist der Schule sitzt zwischen den Wänden“, sagen die Finnen. „Der Raum ist der dritte Pädagoge“, formulierte Loris Malaguzzi, der verstorbene Vordenker der „Reggio-Pädagogik“ in Norditalien. Aber die meisten Schulen sind als Anstalten fürs Belehren gebaut, weniger fürs Lernen.

  • Wie fordern Räume zum Lernen heraus?
  • Wie sehen Lernlandschaften aus?
  • An welche Erfahrungen mit gelungenen Bauten und kleinen Umbauten lässt sich anknüpfen? 
  • Und: Aus welchen Misserfolgen lässt sich lernen?

Es gibt Beispiele:

In Herten haben Schüler der Martin Luther Schule auf den Dächern Sonnenkollektoren installiert und zusammen mit einem Maurerpolier im Ruhestand einen Fußballplatz angelegt. Dabei wurde die Hauptschule für die Jugendlichen zu ihrer Schule – mehr denn je.

Im bayrischen Wertingen
wandelte die Montessorischule ein ehemaliges Möbelhaus in ein "Werkhaus der Generationen" um. Eine Schülermutter, Innenarchitektin, hatte die Idee für den ungewöhnlichen Lernort. Kinder und Jugendliche arbeiten, spielen und lernen in der offenen Ganztagsschule nachmittags zusammen mit Senioren, Handwerkern, Lehrern und Eltern. Dafür hat der Bundespräsident die Schule als einen von "365 Orten im Land der Ideen" ausgezeichnet.

Die „Baupiloten“ an der TU Berlin, Studierende und die Architekturdozentin Susanne Hofmann, erneuern nach den Ideen von Kindern, Jugendliche und Pädagogen Schulen und Kitas. Sie kooperieren mit Firmen, aber auch mit Beschäftigungsträgern für arbeitslose Jugendliche oder Werkstätten im Strafvollzug.

Der überfällige ökologische Umbau kommt hinzu. Er muss nicht begründet werden. Allein die Klimaprognosen verlangen, Bildung als eine Haltung zu verstehen. Dazu trägt die bauliche Umgebung mehr bei als die Inhalte von Lehrplänen.

Schüler sollten nicht nur „beteiligt“ werden, sie können auch Verantwortung übernehmen. Beim Umbau ihrer Schulen erleben sie etwas Seltenes: gebraucht zu werden und folgenreich zu handeln.

Auch pensionierte Handwerker, Eltern oder andere Dritte aus der Umgebung machen mit. Mischformen aus Aufträgen an Firmen und Bürgerarbeit sind wünschenswert. Solche Bündnisse entstehen nur in der Praxis.

Haus des Drachen Copyright adz-Mitglied Peter Hübner Schulen als Häuser der Zukunft! Das wäre dann endlich keine bloße Metapher mehr. Die Bildungshäuser könnten in Zeiten der Depression sogar zum Ort der Leidenschaft für eine Welt werden, in der man leben will.

Jede Schule muss zumindest so schön, so großzügig und aus so gutem Material gebaut sein, wie die schönste Sparkasse der Stadt“, sagt Bildungsministerin Annette Schavan.
Ja! Just do it! Yes, we can! – oder immer noch nicht? 

Das wären Politik und Polytik: Ungewöhnliche Mischungen aus Pragmatismus und Weitsicht, aus Inspiration und handwerklichem Können, aus Stolz und Gemeinsinn.

Das Netzwerk Archiv der Zukunft und der Kreis der Unterstützer laden zum Konvent in die Wartburg Grundschule, Münster.

Vom 20. bis 22. März kommen Pädagogen und Architekten, Eltern und Schüler, Kommunalpolitiker und Mitarbeiter aus Verbänden sowie Stiftungen zusammen, um Ideen und Erfahrungen auszutauschen und um gemeinsame Vorhaben zu entwickeln. Wartburg Grundschule, Münster

Der Ort des Konvents, die Wartburg Grundschule bekam im Dezember 2008 den Deutschen Schulpreis. Als Lehrerinnen und Lehrer in Münster-Gievenbeck in den 1980er Jahren ihre Pädagogik zu entwickeln begannen, war die Schule noch in provisorischen Räumen untergebracht. Mit einem Neubau bekam die pädagogische Seele 1996 ihren passenden Körper. http://www.muenster.org/Wartburg-Grundschule/

Zum Beispiel ein Raum in tiefem Rot. An einer Wand die Zeichnung einer indischen Tänzerin. Gegenüber ein Vorhang aus dünnem Organza. Der Raum nebenan in etwas hellerem Rot. Auf Kacheln asiatische Motive und an einer Wand in feinsten Strichen ein Sumo-Ringer. Der hellrote Raum für Jungen ist ganz japanisch, der dunkelrote für Mädchen ist indisch. Es handelt sich um die Toiletten der Wartburg Schule. Sollte es einmal Schulkritiker geben, so wie es Literatur-, Architektur- und Restaurantkritiker gibt, sie würden ihre Besuche an diesem Örtchen beginnen.

Münster hat als Stadt des westfälischen Friedens für diesen Konvent einen besonderen Charme. Den immer noch nicht beendeten, mehr als 30jährigen deutschen Bildungskrieg endlich hinter sich lassen!

Den Eröffnungsvortrag wird Gerald Hüther halten:

Auf die Atmosphäre kommt es an.
Wie man den Geist, der Potentiale entfaltet, in Schulen lockt.


Hüthers These: Es gilt den Übergang von einer Gesellschaft der Ressourcenausbeutung zu einer Kultur der Potentialentfaltung zu schaffen.

Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologie und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg. 

Das Programm ist noch im Fluss.
So können wir auf den Konvent selbst die These vom Vorteil eines „Halbfertigprodukts“ anwenden. Die Teilnehmer können es beeinflussen.

Das Programm  wird vom Sonntag, den 8. 2. an auf der Homepage fortlaufend aktualisiert und ausdifferenziert

Die Struktur:


Freitag,  20. März
Ab 17´30 Uhr Einlass und Registrierung.
Man sieht sich um und trifft sich. Es gibt Kaffee, Tee, Wasser und einen Keks

19´00  Begrüßung, Film „Der dritte Pädagoge“

19´30 Vortrag von Gerald Hüther
Auf die Atmosphäre kommt es an.
Wie man den Geist, der Potentiale entfaltet, in Schulen lockt.

Anschließend: Imbiss – Getränke – 1000 Gespräche – Blick auf Exponate

Samstag, 21. März

Wir nutzen die vier Lernhäuser der Schule (jeweils 4 Klassenzimmer und Vorräume) für vier Themenhäuser. In den Themenhäusern finden Worksshops und Gespräche statt. Sie werden von„Inputs“ eingeleitet. Dann kann  bald die Grenze zwischen „Teilnehmern“ und referierenden „Experten“ verschwinden.


Die Themenhäuser sind:
  • Die Schule
  • Der Elementarbereich
  • Die Baustellen: Architektur, Kommunen, Träger
  • Das Zwischen: Ganztagsschulen, Jugendarbeit, Stadt als Lernraum

Vorträge und Präsentationen über den Tag verteilt im Forum der Schule. Im Haus gibt es Platz für spontane Verabredungen und ad hoc Gruppen. Am Abend des Samstags gibt es zu essen,  so gut es geht, Getränke und Musik
(im Teilnehmerbeitrag inbegriffen)

Sonntag 22. März

Arbeit an Wertschätzungsketten

Großer Vortrag, große Debatte und ein Zeichen setzen

Für den großen Vortrag haben wir Herman Hertzberger aus Amsterdam, den Doyen des europäischen Schulbaus, eingeladen.

Die große Debatte soll im Gespräch mit Bildungsministerin Annette Schavan* eröffnet und mit dem Politiktheoretiker Claus Leggewie* (Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts NRW) weitergeführt werden. (*angefragt) Das Publikum wird sich einmischen:

Wie kann das Konjunkturprogramm den besten Effekt für die verschiedenen Bildungshäuser haben? Wie kann es zum Anlass für höhere Partizipation werden? Müssen Schulen, Kitas und andere Bildungshäuser nicht zu starken, kultivierten Orten werden? Muss den einzelnen Einrichtungen nicht mehr Souveränität und Eigensinn, also eine institutionelle Biografie zugestanden werden?

Am Schluss soll ein Münsteraner Manifest stehen.

Namen

Bisher haben folgende Protagonisten ihre Mitwirkung zugesagt (in der Reihenfolge von Anfrage und Zusage): Gerald Hüther, Doris und Peter Fratton, Peter Hübner, Susanne Hoffmann, Karl Heinz Imhäuser, Rainer Schweppe, Otto Seydel, Wolfgang Himmel, Helga Boldt, Katharina Sütterlin,  Susanne Wagner, Frank Hausmann, Josef Watschinger, Raimund Patt, Tomas Coelen, Jochem Schneider, Frauke Burgdorff, Barbara Brokamp, Jochen Arlt, Christa Reicher, Kersten Reich, Jürgen Dege-Rüger, Rolf Schönenberger, Christian Riemes, Enja Riegel, aus Schweden Hans Alenius (Futurum Schulen) und Rainer von Groote (Skola 2000), Rudolf zur Lippe

Anmeldungen

Die Anmeldung für den Konvent ist nicht mehr möglich.

Kontakt

Archiv der Zukunft – Netzwerk
Annja Haehling von Lanzenauer
Eppendorfer Landstraße 46
20249 Hamburg

Tel.  040 46 77 44 97
Fax  040 46 77 44 96

Mail: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können

Kosten

Standardbeitrag          90 €
Ermäßigter Beitrag     60 €
Förderbeitrag            120 €

Wir sind noch auf weitere Förderer und Unterstützer angewiesen.

Anmeldeverfahren

Wir rechnen mit mehr Anmeldungen als uns Plätze zur Verfügung stehen. Der Platz ist durch den größten Raum auf 300 Teilnehmer und Mitwirkende begrenzt. Wir müssen also auswählen.

Für die Auswahl sollen drei Kriterien gelten: Mitgliedschaft im Netzwerk Archiv der Zukunft, Zeitpunkt der Anmeldung und eine gute Mischung der Teilnehmer.

Bis 20. Februar können sich Teilnehmer bewerben (Anmeldeformular im Internet s.o.)
Vom 23. Februar an werden Zusagen und Absagen verschickt. Dann bleibt bis zum 6. März Zeit durch Überweisung des Teilnehmerbeitrags die Anmeldung verbindlich zu machen (6.3. ist die Frist für den Eingang von Banküberweisungen!)

Programmvorschläge, also Themen, Referenten, Exponate, Filme etc
sind willkommen
Vorschläge ans Netzwerk, siehe oben.

adz-Mitglied Peter Hübner

 

PS

Geld für die Bildung wird in Deutschland gewöhnlich noch als Kosten bewertet und folglich am liebsten eingespart. Die Bildung wird der Wirtschaft nachgeordnet, statt sie als Voraussetzung jeder Wertschöpfung zu erkennen.

Fakt Nr. 1: Jeder Euro für die Bildung wird hoch verzinst. Nach einer Studie von McKinsey & Co. verzinst sich jeder Euro, der in die frühkindliche Bildung investiert wird, für die Volkswirtschaft mit 12 Prozent. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft war skeptisch, rechnete nach, und kam auf 13 Prozent.


Fakt Nr. 2: Jeder vorenthaltene Cent wird sich rächen. In Deutschland fehlen jährlich 50 Milliarden für Schulen, Kitas und Unis. Auch das hat McKinsey kürzlich in einer Studie für die Robert Bosch Stiftung nachgewiesen. Der Autor der Studie, Nelson Killius, schätzt die Kosten dieser Unterlassung für Gesellschaft und Wirtschaft in den nächsten zwölf Jahren auf 1,2 Billionen Euro.

Wo liegt dann eigentlich noch das Problem?

Vielleicht daran, dass viele Deutsche nicht wirklich an die Wirksamkeit von Bildung glauben? Viele meinen, was sie geworden sind, das seien sie nicht wegen, sondern trotz ihrer Schulen und Hochschulen. Einen Selbstzweck sehen sie, entgegen mancher Sonntagsrede, in Bildung nicht.

Ein Maß für den Selbstzweck ist Schönheit.
kita-bremen adz-Mitglied Peter Hübner


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