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von Linda Reisch
Der Musikkindergarten Berlin
hat seine Arbeit zum 1.9.2005 mit 20 Kindern im Alter von drei und
vier Jahren aufgenommen. Ein Jahr später wurde der ganztägige
Kindergarten auf 60 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren erweitert
und hat damit seine Zielgröße erreicht. Im ersten Jahr arbeiteten drei
Erzieherinnen in dem Kindergarten, jetzt sind es acht Erzieherinnen und
ein Erzieher. Damit wird an dem Betreuungsverhältnis von 1:7/8
festgehalten. Die Erzieher und Erzieherinnen haben fast alle einen
musikalischen Hintergrund, spielen also unterschiedliche Instrumente und
singen in Chören.
Kinder kommen aus unterschiedlichen Milieus
Die Kinder kommen sozial und kulturell aus sehr unterschiedlichen
Milieus; die Eltern haben ihre Wurzeln in derzeit 23 Nationen. Sie
zahlen einkommensabhängige Beiträge, keine anderen als die in den
Berliner Kindergärten üblichen.
Auswahlkriterium für die Aufnahme der Kinder ist nicht musikalische
Hochbegabung, die ohnehin in dem Alter nur schwer festzustellen wäre. Im
ersten Anlauf wollten wir eine altersmäßig einigermaßen homogene Gruppe
bilden, deswegen hatten wir uns auf die Drei- und Vierjährigen
konzentriert; im jetzigen erweiterten Kindergarten gibt es auch viele
Zwei- und Fünfjährige. Wir wollen ein Gleichgewicht zwischen Jungen und
Mädchen herstellen, was anfangs schwierig war, weil sich
unverhältnismäßig mehr Jungs-Eltern als Mädchen-Eltern gemeldet hatten –
zu unserem großen Erstaunen. Wir suchen nach einer möglichst großen
sozialen und berufsmäßigen Mischung der Eltern unter den Bewerbern. Und
wir schauen durchgehend, dass die vier altersgemischten Gruppen jeweils
so aufgefüllt werden, dass jedes Kind altersgemäße Partner findet.
Insgesamt ist es gelungen, dass kein einziges Wunderkinder-Elternpaar
durch überzogene Ausbildungswünsche die Suche nach dem Weg der best
möglichen Erziehung durch die Musik verbaut.
Projekt Musikkindergarten - ein auf Dauer gestelltes Experimentpt
Für rein interne Zwecke haben die Erzieherinnen ihre Konzeption der
Kindergartenarbeit im Dezember 2005 aufgeschrieben, eine Neufassung wird
derzeit fertig gestellt. Dieses pädagogische Konzept füllt den
musikalischen Rahmen aus, den die wissenschaftliche Begleitung gemeinsam
mit den Musikern der Staatskapelle und den Erzieherinnen entwickelt hat
und der als Musikalisches Leitbild des Musikkindergarten Berlin nun
öffentlich vorliegt. Da das Projekt Musikkindergarten ein ständiger
Prozeß ist, ein auf Dauer gestelltes Experiment, wie es treffend
bezeichnet wurde, wird auch das Leitbild immer wieder der Überarbeitung
bedürfen. Als nächstes allerdings soll ein Praxis-Handbuch geschrieben
werden, eine Sammlung also von konkreten Möglichkeiten, mit und durch
die Musik Brücken in alle Bildungsbereiche zu bauen. Die ersten
Überlegungen hierzu sind im Gange.
Die Finanzierung - zunächst privat, nun bezuschusst
Die Finanzierung des Musikkindergartens stand am Anfang allein auf
privaten Füßen: Ein Benefizkonzert in der Berliner Philharmonie, das
Daniel Barenboim und LangLang gegeben haben, hat die Grundlage gelegt.
Seit Januar 2006 erhält der Musikkindergarten eine öffentliche
Bezuschussung durch den Senat von Berlin: Der Bedarf dieses Modells ist
von Bezirk und Senat anerkannt. Die Kosten sind damit nicht restlos
gedeckt, vor allem, weil wir mehr Personal für die Kinder einsetzen, als
das in Deutschland üblich ist. Dazu kam der für die Erweiterung des
Kindergartens notwendige Umzug 2006, ein erneuter Um- und Ausbau; dies
wurde durch eine Reihe von Einzelspenden, das persönliche Engagement
Daniel Barenboims und vor allem ein erneutes Benefiz-Konzert, diesmal
mit Daniel Barenboim und Zubin Mehta, gedeckt. Für 2008 und 2009 war es
gelungen, eine Mitfinanzierung durch die PwC-Stiftung zu erhalten, die
den Laborcharakter des Musikkindergartens mit Blick auf eine mögliche
Übertragbarkeit des Modells unterstützt hat und ab 2010 nicht mehr in
den Musikkindergarten, sondern in dessen Übertragbarkeit investiert.
Wissenschaftliche Begleitung
Das Bundesbildungsministerium (BMBF) hat für den Musikkindergarten seit
März 2006 eine wissenschaftliche Begleitung finanziert, die Ende 2009
abgeschlossen wurde. Das vorliegende Leitbild ist das Ergebnis der
wissenschaftlichen Begleitung durch Dr. Andreas Doerne, dem wir für sein
einfühlsames Engagement, seinen Ideenreichtum und seine Unterstützung
dankbar sind. Herr Dr. Doerne bleibt dem Musikindergarten auch nach dem
Auslaufen seines Vertrags verbunden. Der Kongreß Musik bildet. am 13.
und 14. September 2007 hatte das Zwischenergebnis der bisherigen
wissenschaftlichen Beobachtung öffentlich dargelegt, in den Kontext
anderer nationaler wie internationaler musikalischer Bildungsmodelle
gestellt und künstlerisch wie wissenschaftlich unterfüttert. 360
Besucher, darunter viele Erzieherinnen aus ganz Deutschland, verfolgten
den Kongreß, ihre Reaktionen waren durchweg positiv bis begeistert. Auch
das öffentliche Interesse war gut. Daß das Thema Musik im Kindergarten
wieder ein öffentliches Thema geworden ist, haben wir zumindest
unterstützen können.
Neben dem wöchentlichen Besuch der Musiker der Staatskapelle Berlin,
neben der täglichen musikalischen Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher
sind es gruppenübergreifende Projekte, die die Bildung durch und mit
Musik strukturieren. Nach den bisherigen Projekten wie z.B. Karneval der
Tiere, Stimmenzauber, Kiezmusikanten – sie werden von allen Kindern
wahrgenommen, ziehen sich über einige Monate hin und führen
schlussendlich zu einer kleinen, nicht-öffentlichen Veranstaltung für
die Eltern und Geschwister – folgt das Projekt Gefühle. Dazu werden alle
Begriffe von Gefühlen gesammelt, die den Kindern beim Hören von Musik
im Kindergarten ein- und auffallen. Aus diesen Begriffen schreiben wir
eine Geschichte, versuchen diese dann wieder in Musik zu übersetzen,
gemeinsam mit den Kindern und den Musikern. Das Ergebnis hiervon wird
wiederum den Eltern (und engen Freunden des Musikkindergartens)
präsentiert. „Mutter“ dieser Projekte, Ideenlieferantin wie
Verwirklicherin in einem, ist die Leiterin des Musikkindergartens,
Leonore Wüstenberg. Sie legt täglich den musikalischen Faden durch die
einzelnen Gruppen und verantwortet so das musikalische Profil des
Musikkindergartens.
Nächstes Projekt - Zusammenarbeit mit Komponisten
Das nächste den Musikkindergarten begleitende Projekt wird die
Zusammenarbeit mit Komponisten sein, die uns von der GEMA Stiftung
ermöglicht wird. Monatlich wird ein Komponist zu den Kindern kommen, um
mit ihnen zu erforschen und zu erproben, wie das Musik-Machen geschieht.
Wir sind selbst sehr neugierig, was dabei herauskommen wird. Das
Projekt startet am 22. April mit dem Besuch von Moritz Eggert, der
gleich zum Auftakt mit allen Kindern gemeinsam musizieren möchte.
Linda Reisch ist die Geschäftsführerin des Musikkindergartens Berlin.
Weitere Informationen:
Homepage des Musikkindergartens Berlin: http://www.musikkindergarten-berlin.de/
Musik bildet - Hauptseite: http://www.adz-netzwerk.de/Musik-bildet/
Idee und Ziele des Musikkindergartens Berlin: http://www.adz-netzwerk.de/Idee-und-Ziele-des-Musikkindergartens-Berlin.php
Aufgaben und Projekte des Musikkindergartens Berlin: http://www.adz-netzwerk.de/Aufgaben-und-Projekte-des-Musikkindergartens-berlin.php
Materialien zum Musikkindergarten: http://www.adz-netzwerk.de/Materialien-zum-Musikkindergarten-Berlin.php
Interview mit Maria Willer, Musikkindergarten Hamburg: http://www.adz-netzwerk.de/Da-steckt-Musik-drin-Im-Herbst-startet-der-Musikkindergarten-Hamburg.php
Kongressvortrag von Matthias Hülsen: http://www.adz-netzwerk.de/Chancenlos-Kinder-aus-unterprivilegierten-Verhaeltnissen.php
Diskussionsforum zu "Musik bildet": http://www.adz-netzwerk.de/Uberlegungen-zu-Musik-bildet.php
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