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Atmosphären im Entwurfsprozess als partizipative Strategie Drucken
erika-mann-2 von Icon Mitgliederbereich Susanne Hofmann

Der Gedanke, daß die Atmosphäre eines Gebäudes mindestens so wichtig ist wie seine tatsächliche materielle Gestaltung und Ausführung, hat längst weite Verbreitung gefunden. Denn nicht zuletzt spüren wir oft instinktiv, wie sehr sich die Atmosphäre eines Ortes oder Raumes ganz unmittelbar auf unser Wohlbefinden auswirkt. Und natürlich gehört es zu den wichtigen Aufgaben des Architekten, diese Qualität durch die - mehr oder weniger - bewusste Gestaltung der architektonischen Form, den Einsatz von Materialien und Farben, natürlicher und künstlicher Beleuchtung oder die Einbindung in den Ort zu erzeugen.

Trotzdem bleibt die Arbeit mit und an der Atmosphäre eine komplexe und schwierige Angelegenheit. Denn aufgrund ihres flüchtigen Charakters entziehen sich Atmosphären naturgemäß einer Präzisierung und Bearbeitung und werden überhaupt nur über Umwege wie Modelle und Collagen kommunizierbar. Vielleicht liegt es auch an diesen Schwierigkeiten, daß es kaum systematische Annäherungen an das Thema gibt und die wesentlichen Entscheidungen in der Praxis letztlich immer nur intuitiv und nach Erfahrung getroffen werden. Anders könnte dies in der Lehre sein, doch auch hier ist für eine vielschichtige Auseinandersetzung kaum Zeit.

erika-mann-1 Nicht zuletzt diese Gedanken und der Wunsch, die Möglichkeiten einer durch Atmosphären geleiteten Entwurfstrategie näher zu erforschen und im Praxisbezug zu testen, waren die Ausgangpunkte für die Gründung des Studienreformprojekts "Die Baupiloten" an der TU Berlin im Jahre 2002. Seit dem wurden in diesem Rahmen von Studierenden unter professioneller Anleitung eigenständig Baumaßnahmen entwickelt und durch alle Bauphasen hindurch bis hin zur Realisierung bei knappen Budgetvorgaben begleitet. Dabei spielte von Anfang an das Thema Atmosphären und deren Wirkung auf die Nutzer eine große Rolle. Die atmosphärische Wirkung wurde sowohl in der Arbeitsweise berücksichtigt als auch in ergänzenden Seminaren systematisch untersucht.

In den vielen Gesprächen mit "Laien" während der Arbeit an unterschiedlichen Projekten wurde schnell deutlich, daß die bewußte Auseinandersetzung mit der Atmosphäre eines zu entwerfenden Gebäudes zu einem wichtigen Kommunikationsmittel werden kann, mit dem die zukünftigen Nutzer stärker ihre Vorstellungswelten einbringen und sich am Entwurfsprozess beteiligen können. Denn das Sprechen über Atmosphären umgeht den festgelegten Code des Plans und erleichtert es, auch komplexe, jedoch oft unbewußte und schwer kommunizierbare Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck zu bringen.

erika-mann-1Doch wie läßt sich etwas flüchtiges, nur schwer zu bestimmendes wie die Atmosphäre in den Entwurfsprozess integrieren und letztlich in Details umsetzen? Und auf welche Weise partizipieren die zukünftigen Nutzer am Entwurf? Im Alltag unterscheidet sich die Arbeit der "Baupiloten" auf den ersten Blick nicht von anderen Büros. Auch hier werden vor allem Collagen und konzeptionelle Modelle angefertigt, um den Ideen Ausdruck zu verleihen und verschiedene Möglichkeiten zu diskutieren. Trotzdem unterscheidet sich die Praxis in zwei wesentlichen Punkten. Zum einen steht das Denken in Atmosphären von Anfang an im Mittelpunkt des Entwurfs, zum anderen werden viele der ersten (und auch weiteren) Bilder nicht von den Studenten angefertigt, sondern werden in Workshops von den späteren Nutzern selbst gestaltet. Gerade diese atmosphärischen Bilder erweisen sich als großer Vorteil, ermöglichen sie doch nicht nur ein Sprechen über die Grenzen der Disziplin, sondern auch über große Altersunterschiede hinweg. Denn bei allen bisher von uns realisierten Projekten waren im Grunde Kinder die Bauherren. Wie dieses integrative Potential des Atmosphärischen über den eigentlichen Realisierungsprozess hinaus bestehen bleibt, zeigt sich auch am Beispiel unseres ersten realisierten Projekts, der Umgestaltung der Erika-Mann-Grundschule in Berlin-Wedding.

Die Erika-Mann-Grundschule, die das Theater als Pädagogikschwerpunkt besitzt, liegt in einem sozial schwachen Stadtteil und wurde mit dem Förderprogramm "Soziale Stadt" gefördert. Das Quartier rund um die Grundschule ist gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit sowohl unter Erwachsenen wie auch Jugendlichen. Der größte Teil der Schüler stammt aus Familien mit nichtdeutscher Muttersprache, in den Klassen der Schule sind zeitweise 25 unterschiedliche Nationalitäten vertreten. Damit wird schnell deutlich, welche besonderen Anforderungen in dieser Umgebung an eine Schule gestellt werden, die nicht nur ein Ort des Lernens sein soll, sondern auch ein Stück Heimat für die Kinder. Von Seiten der Initiatoren hofft man zudem, die Schule könne auch den Stadtteil positiv beeinflussen und bildungsbewusste Eltern vom Wegzug abhalten, ja vielleicht sogar den Zuzug erleichtern.

erika-mann-4 Der Auftrag des Projekts, welches im Sommer 2002 mit elf Studierenden begann, bestand dementsprechend darin, die geräumigen Korridore des 1914 von Ludwig Hoffmann erbauten, denkmalgeschützten Gebäude als Lern- und Lebensraum zu gestalten und mit kindgerechten Schrank- und Sitzmöbel neue, in der täglichen Nutzung wirksame Qualitäten zu ergänzen.

Um die großen Hoffnung an die Architektur erfüllen zu können, ist eine starke Identifikation der späteren Nutzer mit dem Gebäude erforderlich. Die Schüler partizipierten darum von Anfang an am Entwurf und wurden als "Bauherrenvertreter" durch die Beteiligung des "Schülerparlaments" (ab der dritten Jahrgangsstufe schickt jede Klasse der Schule drei Abgeordnete in das Parlament) in die Planungs- und Entscheidungsprozesse integriert.

Zum Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen wurde ein Workshop veranstaltet, bei dem die Kinder unter dem Motto "Der Weg durch den Garten der Zukunft" erste Vorstellungen über die Wünsche an ihren Lebensraum entwickeln sollten. Die Ergebnisse waren überwältigend, führten sie den Betrachter nicht nur in fantastische Welten, sondern zeigten zugleich auch, wie gut die Kinder in der Lage waren, diese Welten auch mit präzisen Worten zu beschreiben. Diese imaginäre Landschaften kommunizierten sie mit anschaulichen Worten wie luftig, golden, eisig, frostig, klein, pelzig, weich, gerundet, biegsam, feurig, glatt, eckig, zärtlich, farbig, sprudelnd, stachlig, fedrig, ohne jedoch ihre Fähigkeiten zu verlieren, spontan und ohne Relativierungen auf ihre Umgebung zu reagieren. In diesen lebhaften Schilderungen und Wunschvorstellungen der Kinder versuchten die Studenten nun, den Stimmungen und der atmosphärischen Wirkung nachzugehen und diese in weiteren Collagen und räumlichen Modellen zu präzisieren. Zugleich wurden die späteren Nutzungen und Funktionen spielerisch integriert und die Ergebnisse schließlich in Prototypen realisiert. Diese konnten dann von den Kindern wieder getestet und beurteilt werden. Wichtig war dabei vor allem die Les- und noch mehr die unmittelbare Begreifbarkeit aller Entwürfe, die versuchten, durch ephemere Sinnlichkeit der kargen Strenge des Schulgebäudes eine spielerische Leichtigkeit zu verleihen. In den folgenden Präsentationen wurde schnell offensichtlich, daß die Kinder bereits hohe Ansprüche an die Architektur entwickelt hatten und sehr klar formulieren konnten, was ihnen gefiel und was nicht. Es sollte eine Architektur sein, die leuchtet, klingt, sich verändert und mit ihnen lebt.

erika-mann-7 Mittels einer atmosphärischen Geschichte, der sogenannten "Silberdrachenwelten", die von den Kindern entwickelt wurde, wurde die Schule schließlich überformt. Je weiter man sich in das Gebäude hinein- und hinaufbewegt, desto stärker wirkt diese neue architektonische Atmosphäre. Die neue Welt beginnt im Erdgeschoss mit dem Schlafplatz des Drachens und dem "Sternenstaubtauchen", im ersten Obergeschoss spürt man mit dem "HauchSanftsein" fast den Atem des Drachens in der Bewegung der Deckenschleier, im zweiten Obergeschoss, dem "Thron im Augenblick eines Flügelschlags", können die Schulkinder in der imaginären Flügelbeuge sitzen, lesen, schreiben und spielen. Und im dritten Obergeschoss fliegen sie endlich mit dem Drachen, auch das ein ausdrücklicher Wunsch der Kinder. Dazwischen tanzt der Drache mit ihnen, erst behäbig, dann immer beschwingter zu hohen Tönen durch das Treppenhaus, dem "Riesenbrumsel". Dieses durch alle Geschosse reichende "Saiteninstrument", das als musikalischer Lehrpfad funktioniert und in den Musikunterricht miteinbezogen wird, erlaubt es den Kindern zu musizieren und den Treppenraum bewußt als Raum mit einer speziellen Akustik wahrzunehmen.

erika-mann-9 Durch die intensive Partizipation der Kinder wurde ein hoher Grad an Identifikation mit der Architektur erreicht: So konnten "die Flure zu ‘ihren' Fluren werden". Diese Qualität wurde in einem Zeitungsbericht, der zum Besuch des UN-Inspektors für Menschenrechte Verno Muñoz Villalobos in der Schule veröffentlicht wurde, besonders hervorgehoben: "Um zu begreifen, wie diese Schule tickt, muss man sich diese Flure anschauen, die gemeinsam mit Architekturstudenten gestaltet wurden. Drei Jahre sind seit der Renovierung vergangen und keine Wand ist verschmiert, nichts zerstört" (Welt am Sonntag, 26.3.2006). Die Reaktionen der Kinder in den Entwurfsphasen sowie nach der Fertigstellung haben die Wichtigkeit bestätigt, die atmosphärische Wirkung der Architektur explizit in den Entwurfsprozess einzubeziehen und sie auch während des Baus stets zu reflektieren und zu kontrollieren, das heißt: die gemessene und die empfundene Architektur in Einklang zu bringen. So wurde die Sinnlichkeit der Architektur ein essentielles Element der Kommunikation zwischen Nutzer und Architekt, deren Qualitäten sich sogar in den Gedichten und Geschichten der Kinder spiegeln:

Silberdrachen
schimmern pink
fliegen nicht laut
sich bunt strecken
Flügelschlag

Susanna




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