Anna Rosina Drucken
anna_rosina_bearbAnna Rosina besucht die Oberstufe eines Gymnasiums im Allgäu.
Sie hat nach einem Wochenende im Eukitea (Europäisches Kinder und Jugendtheater) in Diedorf bei Augsburg, bei dem Enja Riegel, Reinhard Kahl und  André Stern referierten, einen Text über sich als Schülerin geschrieben.

Hier zunächst drei Auszüge als Einladung zum Lesen und unten als pdf der ganze Text, an dem Anna Rosina weiter schreibt. Es wäre schön wir könnten damit eine Reihe ähnlich ehrlicher und klarer Texte auf unserer Webseite beginnen. Von Schülern (Schülerinnen natürlich ebenso), aber auch von Lehrern. Die meisten pädagogischen Debatten erreichen diese Tiefe in ihrer theoretischen und oft von Großwörtern beherrschten Sprache jedenfalls nicht. 


Ich als Schülerin brauche einen Rahmen aus Eltern, Großeltern, Freunden, Paten und Lehrern an dem ich mich festhalten kann und an dem ich Orientierung finde. Jedoch will ich nicht wissen wie das Bild auszusehen hat, das ich malen werde. Ich brauche keine Vorlage dafür, denn ich kann mein „Lebensbild“ selbst gestalten und ich weiß, was ich dafür brauche und was nicht…
Ich habe den Eindruck als würden uns die Schulen und Universitäten heutzutage genau sagen, wie das Bild am Ende einmal auszusehen hat, wie unser Leben einmal auszusehen hat. Und weil wir das Ergebnis schon vorgelegt bekommen, müssen wir nicht mehr darüber nachdenken, wer wir sind und was wir im Leben wirklich wollen...
Unsere Schulen ähneln eher Fabriken als den Bildungsrichtungen, die einst nur zu einem Zweck erdacht wurden: um jungen Menschen zum Reifen zu verhelfen. Ich werde nicht mehr als Unikat gesehen sondern als eine von vielen…
Die „normale Schule“ entzieht mir das Recht ich zu sein und fordert mich auf jemand zu werden, der ich nicht sein will, in einem System, das nicht zu mir passt...

Angst
Ängste gibt es in meinem Leben viele.
Ich habe Angst davor, nicht geliebt zu werden.
Ich habe Angst davor, nicht gut genug zu sein.
Ich habe Angst davor, meine Familie zu verlieren.
Ich habe Angst vor dem Versagen.
Ich habe Angst davor, mir selbst nicht zu genügen.
Ich habe Angst davor, zu sterben.
Ich habe Angst davor, gehasst zu werden.
Ich habe Angst, schlechter zu sein als andere.
Ich habe viele Ängste.

Doch die aller größte Angst habe ich davor zur Schule zu gehen, davor etwas gefragt zu werden und es nicht zu wissen, von allen angestarrt zu werden. Das ist mein größter Albtraum. Ich hasse dieses Schulsystem, in dem man beim Betreten der Schule schon Angst hat. Der Geruch, die Geräusche, so riecht pure Angst: nach der Eingangshalle des Gymnasiums. Ich kann nicht sagen, warum genau ich solche Angst vor der Schule habe. Ich denke es liegt hauptsächlich daran, dass man dort jeden Tag aufs Neue gesagt bekommt, was man alles nicht kann, was man nicht weiß, was man aber unbedingt noch wissen muss. Das macht einen fertig. Die Angst macht einen fertig. Und dann sitzt man auf seinem Stuhl mit schweißnassen Händen und hofft, dass man nicht dran kommt. Am Sonntagnachmittag ist die Angst am schlimmsten, da frisst sie mich fast auf. Die Angst davor gefragt zu werden und keine Antwort zu wissen. Das ist die schlimmste Angst in meinem Leben und die alleine zu sein. Andererseits gewöhnt man sich auch daran alleine zu sein.


Was ich einmal tun möchte ohne an die Schule zu denken…


Alles worauf man sich konzentriert, wenn man eine Schule besucht, ist die Schule. Irgendwie hängt alles daran. Sogar die Erholung dient nur dem Zweck, sich wieder besser auf die Schule konzentrieren zu können. Das hat mich schon immer gestört. Als gäbe es da kein anderes Leben mehr. Ich habe eine Liste von Dingen zusammengestellt, die ich einmal tun möchte ohne die Schule im Hintergedanken zu haben.

Hier ist sie:

Ich möchte einmal nach draußen gehen, ohne dabei zu wissen, dass es gut für meine Konzentration ist.

Ich möchte einmal eine Pause machen, ohne darüber nach zu denken, dass ich sie brauche, um mich auch weiterhin gut konzentrieren zu können.

Ich möchte einmal etwas essen, ohne zu denken, dass ich es brauche, um mich  fürs Lernen zu stärken.

Ich möchte einmal Orangensaft trinken, ohne zu hören, dass ich ihn brauch, um gesund zu bleiben.

Ich möchte einmal Wasser trinken, ohne zu wissen, dass ich es brauche, um kein Kopfweh zu bekommen.

Ich möchte einmal früh ins Bett gehen, ohne zu wissen, dass es ein muss, weil morgen wieder viel Arbeit auf mich wartet.

Ich möchte einmal ein Zitat von Platon nachschlagen, einfach nur so, ohne es danach auswendig können zu müssen.

Ich möchte wieder einmal etwas lernen, ohne es zu müssen.

Ich möchte einmal etwas lernen, ohne es auswendig lernen zu müssen.

Ich möchte einmal nicht darüber nachdenken, wie ich noch mehr Wissen in mich hinein stopfen kann.

Ich möchte einmal hören, dass es toll ist wie ich mich bemühe.

Ich möchte einmal etwas tun ohne eine Wertung dafür zu bekommen.

Ich möchte einmal ICH sein.

Ich möchte einmal allen zeigen, was ich wirklich drauf habe, ganz unabhängig von der Schule.

Ich möchte einmal selbst etwas entdecken, nicht das wiedergeben, was ein anderer entdeckt hat.

Ich möchte einmal als Anna-Rosina gesehen werden, nicht als Nummer 145 auf der Liste.

Ich möchte einmal gelobt werden, weil ich mich selbst übertroffen habe und nicht weil die anderen schlechter waren als ich.

Ich möchte einmal genügen, mit allem was ich tue, ohne Bewertung.

Ich möchte einmal richtig schlecht sein dürfen.

Ich möchte, dass meine Schwächen mit als Behinderung, sondern als Teil meiner Persönlichkeit gesehen werden.

Ich möchte einmal ankommen.

Ich möchte einmal, nur ein einziges Mal, das Gefühl haben, dass ich stolz auf mich sein darf, weil ich gut so bin wie ich bin.

Ich möchte einmal nicht verbessert werden.

Ich möchte einmal diese ganze Liste drucken und alles zeigen.

Ich möchte einmal etwas verändern. Etwas von großer Bedeutung.

Ich möchte einmal, dass jemand sieht wie toll ich schreiben kann.


Hier geht es zum gesamten Text:

pdf Text von Anna Rosina


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