Ankündigung Arche Nova Kongress 2011 Drucken

Newsletter vom 25. Juni 2011


Nr. 1 vom 25.Juni 2011

pdf Kongresszeitung im Zeitungsformat. Zum Ausdrucken.

Nun ist es so weit. Endlich. Der Countdown zum Kongress vom 14.-16. Oktober 2011 in Bregenz beginnt. Das elektronische Anmeldeformular auf der Webseite ist frei geschaltet. Natürlich läuft die Vorbereitung schon lange. Sie ist durch mindestens sieben Denkmägen gegangen. Heraus kommt ein Kongress, der anders werden wird als die bisherigen.

Das Vorhaben ist nicht risikolos, aber wir bleiben bei unserer Maxime, dass nur das gelingen kann, was auch scheitern darf und eben deswegen seltener schief gehen wird. Mit der Anmeldung beginnt auch die Möglichkeit zur Mitwirkung.

Vorab. Damit dieser Aufruf zum Kongress kein zu umfangreicher und dann häufig doch nicht zu Ende gelesener Text wird, verteilt er sich auf die ersten Nummern der KONGRESS|ZEIT|UNG. Sie wird von nun an alle paar Tage auf der Homepage www.adz-netzwerk.de erscheinen und auch als „Newsletter“ verschickt.

Die KONGRESS|ZEIT|UNG wird das Medium zur Kongressvorbereitung. Sie enthält Informationen und Debatten zur Ausdifferenzierung des Programms und verdichtet den Kongressparcours.

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Arche Nova

Ergebnisversessene, vor allem auf Noten und Prüfungen gerichtete Schulen führen zu Kollateralschäden: Gleichgültigkeit, Äußerlichkeit, Bulimielernen. Wissen wird dann schon für Kinder zur Ware. Es zerfällt in isolierte, häufig unverstandene und bald wieder vergessene Teile. Kinder und Jugendliche kalkulieren und vermarkten ihr Leben wie ihre eigenen Betriebswirtschaftler. Die Sachen werden dabei egal. Am Ende dieser Bildungslaufbahn hören Hochschullehrer von Studierenden solche Sprüche: Bitte reden Sie nicht so viel. Sagen Sie klipp und klar, was geprüft wird. Das lernen wir dann auch.

Das ist keine Karikatur. Eine Studie der Deutschen Bundesregierung beschreibt die verbreitete Haltung der Studierenden als labil und teilnahmslos. Mehr und mehr werden sie in ihren Schul- und Studienjahren davon überzeugt, dass sie weder ihre individuelle Karriere noch politische Entscheidungen beeinflussen können. Einen ähnlichen Einbruch der Erwartungen und Hoffnungen , sagen die Wissenschaftler, hätten sie bisher nur bei Jugendlichen ohne Berufsausbildung gefunden.

Die in diesem Frühjahr veröffentlichte, vom Freistaat Sachsen in Auftrag gegebene Studie „Fokus Kind“ beschreibt, wie Schülerinnen und Schüler schon in der Grundschule von Jahr zu Jahr gelangweilter und uninteressierter werden.

Auf der anderen Seite überrascht der Befund, dass Künste und Künstler in der Schule, die erst mal kein in der Notenwährung verwertbares Ergebnis versprechen, am Ende zu einer Art Kollateralnutzen führen: Wachheit. Dinge, Ideen und Personen werden wieder wichtiger. Diese Haltung hat der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch über das Handwerk so beschrieben: "Eine Sache um ihrer selbst willen tun und sie deshalb gut machen wollen."

Diese Wirkung haben nicht nur die Kunst und die Künstler. Sie ist auch der Effekt guter Schulen. Zum Beispiel die in diesem Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Georg Christoph Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen. Aus dieser Schule, die von der fünften Klasse bis zum Abitur führt, kam im vergangenen Jahr die beste Abiturientin Niedersachsens. Auf dem im Jahr zuvor veröffentlichten Abiturranking stand die Reformschule auf Platz zwei, also vor allen Gymnasien im Bundesland, außer einem. Ist das nun so „obwohl“ oder „weil“ die Schule auf Noten bis zum Ende der achten Klasse verzichtet und bis Klasse zehn auch nicht nach Leistungsniveaus „differenziert“? Das erlaubt eine Sondergenehmigung der Kultusminister gerade mal fünf Schulen in Deutschland. Dass Noten an der Göttinger Schule eine so geringe Rolle spielen, ist ihr offensichtliches Geheimnis. Die Sachen und die anderen Menschen bleiben den Kindern und Jugendlichen wichtig und wertvoll.

Es ist diese Haltung, um die es unserer Gesellschaft gehen sollte. Sie ist nicht nur humaner, sie ist am Ende auch wirksamer und nachhaltiger. Auf diese Haltung wird es ankommen, wenn die Welt aus den bekannten Sackgassen geführt werden soll.

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Der Kongress

Der Kongress „Arche Nova – Die Bildung kultivieren!“ will die Intelligenz der pädagogischen Praxis, die Schulerneuerer, Lernaufwiegler und die an der nächsten Generation und der Zukunft Interessierten zusammen bringen. Wir wollen nicht in erster Linie Theorie praktizieren. Wir brauchen Geschichten und Ideen, Träume und Visionen, aber auch ganz pragmatische„working theories“. Denn die Praxis ist die Königin! Der Kongress soll auch Austausch, Fremdheit und Differenz ins Spiel bringen. Es gibt viele Wege und es ist ein Vorteil verschieden zu sein. Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer sollen ihre Perspektiven einbringen.

Die Teilnehmer werden sich bis zur nächsten Bildungs-Biennale-Bodensee in zwei Jahren Aufgaben stellen. Es beginnt mit der List(e) kleiner Schritte, die große Wirkungen haben.

Über unsere Kongresse in Hamburg, Bregenz und Münster können wir uns nicht beklagen. Noch immer sind wir überrascht zu hören, was alles von ihnen ausging und noch ausgeht. Und immer noch wirkt die Stimmung. Aber zu Recht wurde vielfach auf einen „performativen Widerspruch“ hingewiesen, wenn zum Beispiel die Belehrung überwiegend in Form von Vorträgen kritisiert wurde und wenn für selbstorganisiertes und kooperatives Lernen eher theoretisch plädiert wurde, es selbst aber nur am Rande stattfand.

Wenn neue Ideen in alten Formen bleiben, fällt der Kongress hinter sich zurück. Dann wird man zwar im Sprechen klüger, aber ändern wir so auch unsere Haltung? Und was heißt es, seine Haltung zu ändern? Über kulturelle Bildung nur zu reden reicht nicht! Wie treiben wir die Kultivierung der Bildung auf dem Kongress und bei seiner Vorbereitung voran?

Die Choreografie

Damit die Teilnehmer auch Mitwirkende sein können, brauchen wir eine andere Choreografie. Außerdem sollen auch die Mitwirkenden als Teilnehmer dabei sein, also nicht nach ihrem Vortrag, den sie ja gut kennen, gleich wieder verschwinden.

Anderseits: Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten! Auch beim kommenden Kongress werden diejenigen, die etwas zu sagen haben, dafür Zeit und wenn nötig auch viel Zeit haben.

Nach wie vor wird es also ein Programm geben unter anderen mit Remo Largo, Gerald Hüther, Harald Welzer, Ursula Taravella, Donata Elschenbroich, Ernst Peter Fischer, Raoul Schrott, Manfred Spitzer, Peter Sloterdijk, Jesper Juul, Ulrike Kegler, Enja Riegel, Horst Rumpf, Sabine Czerny, Jürgen Oelkers, Mike Sandbothe, Reinhard Kahl und Diemut Schilling.

Vor allem aber soll der Kongress ein Parcours für die Intelligenz der Praxis sein.

Der Parcours

Das Festspielhaus gliedert sich räumlich nach Themenbereichen in FOREN:

 

    Kulturelle Bildung
    Lernen und Lehren
    Schulerneuerer
    Die Frühen Jahre
    Die Rehabilitierung des Übens
    Der Raum als der Dritte Pädagoge
    Kopf, Hand und Körper
    Die nächste Gesellschaft
    ... und andere.

 

Eine Arbeitsweise ist die bekannte in Vorträgen und Workshops.

Zu ihnen gibt es einen Gegenpol. Wir nennen ihn Gärten und Cafés.

Pol und Gegenpol ergänzen sich.

Gärten entstehen in den Foyers, auf der Hinterbühne und in anderen Zwischenräumen. Es werden Gärten der Dinge sein. Künstler werden daran mitwirken, aber sie entstehen vor allem durch das, was die Teilnehmer mitbringen: bedeutsame und schöne Dinge, die etwas erzählen und zu Gesprächen herausfordern. Die Gärten sind Biotope des Möglichkeitssinns. In den darin angesiedelten Cafés wird erzählt, diskutiert, gedacht und gelacht. Man darf aufgeregt sein und zur Ruhe kommen.

Ein Beispiel für Dinge in den Kongressgärten: Nehmen wir wieder die Göttinger Georg Christoph Lichtenberg Gesamtschule. Ihr Kern sind Tischgruppen. Fünf in jeder Klasse mit jeweils sechs Schülerinnen und Schülern. Sie arbeiten zusammen. Sie treffen sich zu gemeinsamen Abenden. An den Tischgruppen bildet sich ein Geist, der die ganze Schule durchzieht. Davon gibt es viel zu erzählen. Einer dieser Sechsertische, an dem sonst die Göttinger Schüler arbeiten, wird im Kongressgarten stehen. Außerdem hat die Göttinger Schule besondere Stühle angeschafft. Jeden Schüler begleitet sein Stuhl von der 5. Klasse an bis zum Abschluss. Es versteht sich, dass hier keine Möbel ausgestellt werden. Die Dinge stehen für Haltungen. Auch der Göttinger Stuhl steht für die Haltung, dass nichts egal ist. Es gibt eine Sprache der Dinge. Sie soll in Bregenz artikuliert werden.

Die Dinge

Von der Göttinger Parzelle ergibt sich eine Verbindung zu Donata Elschenbroich. Die Kindheitsforscherin, Autorin und Filmerin hat sich in den vergangen Jahren mit diesem Thema befasst: „Die Kinder und die Dinge“. Ein Satz von Pier Paolo Pasolini hat sie angetrieben: „Ich werde nie vergessen, was mir die Dinge beigebracht haben“. Sie wird ihre „Weltwissen Vitrinen“ mitbringen, die sie für Kindergärten entwickelt hat. Sie wird ihre Arbeit in einem Vortrag und Workshop vorstellen. Sie wird auch den Film vorführen, den sie darüber mit Otto Schweizer gedreht hat. Und nach der Veranstaltung kann es dann im Café weitergehen. Vielleicht kehren Teilnehmer erst später zurück oder überlegen schon jetzt, welche alltäglichen Dinge oder besonderen Exponate sie für diesen Garten mitnehmen.

Donata Elschenbroich wird ihren Platz im Forum Frühe Jahre haben. Es bietet sich natürlich an, sie möglichst in die Nähe der Göttinger aus dem Forum der Schulerneuerer zu platzieren. So entstehen Wurzelgeflechte zwischen den Gärten.

Die Gärten sollen keine Agglomerate von Infotischen sein. Bitte nicht! Dort soll nicht nur Papier wachsen.

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Die Theorie

Nicht immer werden sich die Wurzelgeflechte aus den Gärten so nachvollziehbar zu den Vorträgen und Workshops verfolgen lassen wie – zum dritten Mal – am Beispiel der Göttinger Schule und der Tischgruppen, an denen nicht Freundinnen und Freude zusammen kleben, sondern in denen sich unterschiedliche Kinder gegenseitig herausfordern und helfen. Ein Jahr teilen sie sich den Tisch. Von Klasse 5 bis 10 soll jeder mit jedem zusammen gesessen haben. Davon profitieren die Schwächeren und mehr noch die Stärkeren. Jede Tischgruppe trifft sich mit den Eltern und Lehrern viermal im Jahr jeweils bei einem anderen Schüler zu Hause, der Gastgeber des Abends ist. So läuft das seit mehr als 30 Jahren. Eltern und Kinder, die sich bei dieser Schule bewerben - der Ansturm ist groß – müssen unterschreiben, dass sie bei diesem wichtigsten Ritual dieser Schule mitmachen. Und auch für die Lehrer ist das eine Einstellungsbedingung.

Manche Lehrer haben im Jahr zwanzig solcher Abende und tatsächlich, man hört keinen darüber klagen. Sie genießen ja den Ertrag, eine freundliche, kooperative Atmosphäre. In diesen Gruppen, sagt Gerald Hüther, Göttinger Neurobiologe und adz-Mitglied von Anfang an, liege das Geheimnis der Schule. Dort bilden sich Beziehungen und Haltungen. Die kann man nicht unterrichten. Man kann sie nur ermöglichen. Das sind Erfahrungen, die - das kann Hüther zeigen - im Frontalhirn gespeichert werden, wo sich die moralisch-ethische Reifung vollzieht. Und wenn Verantwortung, gegenseitige Hilfe und Lernfreude erfahren und zu einer Haltung werden, dann, so Hüther, ist das Bildung. Sie durchfärbt alles.

Eine Küche!

Gerald Hüther wird vom Anfang bis zum Ende des Kongresses dabei sein. Er wird im Festsaal (1700 Plätze) einen der großen Vorträge halten. Er wird zum Workshop einladen. Er wird zwischendurch im Gartencafé der Schulerneuerer am Göttinger Sechsertisch sitzen, und er wird sich auch in einem der Liegestühle im Garten des Forums „Lernen und Lehren“ ausruhen, wo er nicht der einzige sogenannte Hirnforscher sein wird. Und Hüther wird backen. Nicht nur Gedanken, sondern Kuchen! Denn die zentrale Installation des Kongresses wird eine Küche auf der Drehbühne sein. Eine Küche? Ja, eine richtige dampfende Küche.

Was es damit auf sich hat steht in Nummer 2 der KONGRESS|ZEIT|UNG.

Wie gesagt, die Anmeldung zum Kongress hat nun begonnen.

In den kommenden Wochen wird der Kongress, der jetzt - sagen wir - im fünften Monat ist, ausreifen und dann im Bregenzer Festspielhaus zur Welt, das heißt auf die Bühne kommen. Das Skelett und alle Organe sind schon gut ausgebildet. Wir bitten darum, sich an diesem Zur-Welt-Kommen zu beteiligen: Vorschläge für Vorträge und Workshops sind noch möglich! Angebote für Gespräche, Präsentationen und Installationen in den Gärten sind hochwillkommen. Debattenbeiträge zu den Kongressthemen werden für die KONGRESS|ZEIT|UNG erwartet. Aber auch Fragen, Ideen und Vorschläge, eben all die Dinge, die auch einem guten Team entgehen.

Die Kongresszeit hat begonnen.
Die Arche Nova entsteht am Bodensee.


Anmelden können Sie sich/ könnt Ihr Euch hier: www.adz-netzwerk.de/anmeldung

Herzlich,
Reinhard Kahl und das adz-Kongress-Team



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